Forschungsprojekt:
"Selbstversorgung – ein Beitrag zur Ernährungssicherung?"



Übergeordnete Zielsetzung

Demographischer Wandel und Finanznot der öffentlichen Kassen haben in vielen ländlichen Räumen zu einer drastischen Reduzierung von daseinsvorsorgesichernden Dienstleistungen geführt, nicht selten kann bereits von Versorgungsdefiziten gesprochen werden. Sind die Folgen dieser Entwicklung vor allem in den neuen Bundesländern besonders sichtbar, so ist unzweifelhaft, dass diese Entwicklungen weite Teile westdeutscher Räume treffen werden. Selbst ländliche Räume am bevölkerungsstarken Niederrhein bleiben von diesen Entwicklungen nicht verschont.

 

Bisher fehlt es aber weitgehend an Konzepten, wie mit den Veränderungen in der wohnortnahen Grundversorgung umzugehen ist. Nicht selten bestehen die Lösungsvorschläge allein aus Kürzungs- und Schließungsvorschlägen und dem Verweis auf die Selbsthilfekräfte der Bürger. Einerseits lassen sich kollektive Anpassungsideen in Form von neuen Dorfläden finden, andererseits werden individuelle Lösungen gesucht, die in einer Neubesinnung oder Rückkehr zur privaten Hauswirtschaft bestehen. Empirisch fehlen hier allerdings zuverlässige Untersuchungen, in welchem Umfang selbstproduzierte Lebensmittel die Versorgungslage ländlicher Haushalte stabilisieren und damit zur Ernährungssicherung beitragen. Das Projekt „Selbstversorgung – ein Beitrag zur Ernährungssicherung?“  möchte diese Lücke mit einer explorativen Studie schließen.

 


Motivation

Der neue Trend zur Selbstversorgung scheint unübersehbar – Bürgergärten (communal gardens) in Großstädten wie Berlin oder New York schießen wie Pilze aus dem Boden. Bienenstöcke erobern Hochhäuser und längst erfreuen sich die selbstgezogenen Tomaten auf dem Balkon, oder das Basilikum auf dem Fensterbrett, allergrößter Beliebtheit. Auch die deutsche Tradition der Schrebergärten erfährt neue Beachtung. Zeitschriften wie „Landlust“ bedienen seit wenigen Jahren überaus erfolgreich die Sehnsucht nach Ursprünglichkeit, Heimat und Selbstgemachtem. Woher kommt der Wunsch nach selbstproduzierten Lebensmitteln? Lebensmittelskandale allein reichen als Erklärung nicht aus – handelt es sich doch um eine ökologische Wende, um nachhaltige Konsummuster? Augenscheinlich ist es vor allem ein urbanes Mittelschichtpublikum, das sich Parzellen auf nahegelegenen Bauernhöfen mietet und ihr Heil in selbstgeernteten Radieschen sucht. Unklar bleibt jedoch, ob es sich beim neu entdeckten Trend zur Selbstversorgung lediglich um ein urbanes Lifestyle-Phänomen handelt und in wie weit auch andere Bevölkerungsgruppen (Hartz IV, Migranten) davon erfasst sind.

 

In ländlichen Räumen stellt sich die Situation vergleichsweise anders dar. Gehörte es über Jahrhunderte ganz selbstverständlich zum Leben auf dem Lande, Kleintiere wie Kaninchen oder Hühner zu halten und Obst und Gemüse anzubauen, so hat die Vollversorgung mit äußerst günstigen Lebensmitteln durch Supermärkte und Discounter diese Tradition, wenn auch nicht abbrechen, so doch stark einschlafen lassen. Häufig sprießen heute Zierpflanzen, wo früher Tomaten und Gurken wuchsen. Äpfel einzukochen oder Saft zu pressen lohnte kaum noch. Die Kleintierhaltung oder gar die Hausschlachtung sind in weiten Teilen, auch auf dem Land, längst ausgestorben.

 

Neue empirische Untersuchungen weisen jedoch darauf hin, dass Obst und Gemüseanbau, ja selbst Kleintierzucht und Hausschlachtungen in den vergangenen Jahren im ländlichen Raum wieder deutlich an Bedeutung gewonnen haben (vgl. dazu Bennhold-Thomson 2002, Neu et al. 2007/2009, Born 2009). Zu vermuten steht, dass es sich weniger um eine ausgeprägte Kritik an den herrschenden Lebensmittelproduktionsmethoden handelt, als dass ökonomische Engpässe und deutlich verschlechterte Erreichbarkeit von Waren und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs Ausschlag für eine Wiederaufnahme der Selbstversorgung geben. Besonders Haushalte in entlegenen ländlichen Regionen sind überdurchschnittlich häufig von lang anhaltender Arbeitslosigkeit betroffen und auf Transferzahlungen angewiesen. Stehen städtischen Haushalten, die in Armut leben, eine Vielzahl karitativer Angebote zur Verfügung, um die angespannte Versorgung mit Lebensmitteln abzufedern, so gestaltet sich die Situation für ländliche Haushalte in prekärer Lage ungleich schwieriger. Die Erreichbarkeit von Unterstützungseinrichtungen ist ohne PKW oft ebenso wenig gegeben, wie der kostengünstige Einkauf im Discounter. Ohne ÖPNV oder eigenen PKW bleiben oft nur der teure mobile Händler, nette Nachbarn oder die Rückkehr zum Selbstgemachten. Doch wer sind die Selbstversorger? In welchem Umfang kann hier eine verstärkte Produktion von (selbstangebauten) Lebensmitteln und Vorratshaltung zu einer Ernährungssicherung beitragen?

 

Das Forschungsvorhaben „Selbstversorgung“ ist einerseits in die aktuelle Diskussion, um den Erhalt der Daseinsvorsorge und die Lebensqualität in ländlichen Räumen einzubinden. Andererseits bieten sich Anknüpfungspunkte an das Thema „Ernährungsverhalten in von Armut betroffenen Haushalten“. Es gilt zu erfahren, in welchem Umfang diese Selbstversorgungsstrategien bereits einen Beitrag zur Ernährungssicherung privater Haushalte im ländlichen Raum leisten. Darüber hinaus ist zu untersuchen, in wie weit die individuellen Versorgungsstrategien in kollektive Handlungsmuster umgesetzt werden können, wie beispielsweise Allmendewirtschaft oder Tauschhandel.

 

Lassen sich regionale Vermarktungsstrategien aufbauen (Marktstand, Bestückung mobiler Händler), um so die regionale Wirtschaft in bescheidenem Umfang „anzukurbeln“ und den sozialen Zusammenhalt zu stärken?

 

Dem entsprechend verfolgt das Forschungsprojekt die Fragestellungen:

  • Was sind die Ursachen und Bedingungsfaktoren für die Wiederaufnahme oder Intensivierung der eigenen Nahrungsmittelproduktion?
  • Welche Strategien werden entwickelt, um drohende Versorgungsengpässe abzumildern und die Lebensmittelversorgung zu sichern?
  • Welchen Beitrag leisten selbstproduzierte Lebensmittel zur Ernährungssicherung (unter den Bedingungen von Versorgungsengpässen und Armut)?
  • Gibt es regionale oder milieuspezifische Verteilungsmuster?
  • Lassen sich kollektive Handlungsstrategien (Allmendewirtschaft, Tauschhandel oder regionaler Marktstand) finden oder implementieren?
  • Welche Implikationen ergeben sich daraus für eine zukunftsweisende Politik für ländliche Räume?

 


Methodisches Vorgehen

Geplant sind zwei explorative Gemeindestudien (eine in Ost- und eine in Westdeutschland). Mit Hilfe von leitfadengestützten face-to-face-Interviews werden dort Daten zu Art und Umfang der privaten Hauswirtschaft erfragt. Darüber hinaus wird es von Interesse sein, welche Verarbeitungsformenbevorzugt werden (direkter Verzehr, Einwecken, Schlachten, Einfrieren) und ob eine Ausweitung der Produktion über den eigenen Bedarf hinaus denkbar und möglich wäre (Produktion für Dorfladen, regionalen Markt, Tauschhandel). Die Erfassung der demographischen und ökonomischen Daten werden Rückschlüsse auf die sozioökonomische Lage der befragten Haushalte erlauben. Vorausgehend und ergänzend werden Interviews mit Experten aus Verbänden und Ministerien geführt.

 


Projektleitung

Prof. Dr. Claudia Neu

Allgemeine Soziologie, insbesondere Methoden empirischer Sozial- und Marktforschung sowie Ernährungssoziologie

Bitte keine Post an die Büroadresse schicken!

Postadresse: Rheydter Str. 277

Büroadresse: Rheydter Str. 232 (Gebäude Q)

41065 Mönchengladbach

Telefon: +49 (0)2161 186-5384 (in Raum Q 204)

Telefon: +49 (0)2161 186-5359 (in Raum O 100)

Sprechzeiten im Sommersemester 2012

Donnerstag 13:00 - 14:00 Uhr

Vereinbarung per E-mail erforderlich


Raum: Q 204

E-Mail: claudia.neu(at)hs-niederrhein.de
Neu