Fragen & Antworten
Frauen.Unternehmen Soziale Arbeit

Ansgar Fabri von der Webredaktion des Fachbereiches Sozialwesen sprach mit Prof. Dr. Edeltraud Vomberg über das Projekt "Frauen. Unternehmen Soziale Arbeit"

 

Wie sind Sie auf die Idee zu diesem Projekt gekommen?


Die zunehmende marktliche Organisation der Sozialen Arbeit und die Veränderungen in den gesetzlichen Rahmenbedingungen eröffnen zunehmend die Möglichkeit der Existenzgründung in diesem Sektor. Die Bedeutung der Selbständigkeit für professionelle soziale Dienstleistungen steigt.

Bisher jedoch sind die Marktpotentiale in sozialen Berufsfeldern kaum erschlossen. Aktuell fehlt es an Projekten zur Markterschließung und der Entwicklung neuer Unternehmenskonzepte.

Die Vermittlung von betriebswirtschaftlichem Know-how und der Planung von Unternehmen sind notwendig. Hinzu kommt eine Sensibilisierung für die neu entstandenen Möglichkeiten sozialer Dienstleistungen als erwerbswirtschaftliches Potential für Unternehmen.

 

Warum sollen ausgerechnet Frauen zur Existenzgründung motiviert werden?

 

Das Feld der Sozialen Arbeit ist durch einen hohen Frauenanteil gekennzeichnet. Zahlen der Bundesagentur von 2006 belegen: der Frauenanteil bei den eingeschriebenen Studentinnen beträgt rund 77 %, bei den Erwerbstätigen 66 %.

Gemessen an diesem hohen Frauenanteil in der Sozialen Arbeit gibt es jedoch nur einen niedrigen Anteil an Frauen in Führungspositionen. Unterschiedliche Untersuchungen haben ergeben, dass bei rund 55 % der Organisationen im sozialen Feld Frauen in der Geschäfts- und Abteilungsleistung nicht zu finden sind.

Auch aus diesem Grund sind Existenzgründungen in der Sozialen Arbeit eine interessante Alternative für Frauen. Der Bereich der sozialen Dienstleistungen, in dem zahlreiche Frauen gut ausgebildet und arbeitssuchend sind, bietet mit seinen zunehmenden Marktchancen ein hohes Potential für deren Selbständigkeit. Die Chancen der flexiblen Arbeitszeitgestaltung und die Möglichkeit, die Selbständigkeit an unterschiedliche Lebensphasen und biografische Bedarfe anzupassen, macht dieses Feld gerade für Frauen attraktiv. Hier schlummert ein großes „Gründerinnen-Potential".

 

Was bieten Sie an, was die „run-Initiative" der Hochschule Niederrhein nicht bietet?

 

Die „run-Initiative" ist ein wichtiger Kooperationspartner in unserem Projekt. Wir konzentrieren uns jedoch ausschließlich auf den Wirtschaftszweig „Soziale Arbeit" und auf Frauen als Gründerinnen und Unternehmerinnen. Wir wollen in einem ersten Schritt für Existenzgründungen in diesem Feld sensibilisieren und werben. In einem zweiten kommen dann die Beratung und Begleitung sowie die Bildung von „Gründerinnen-Verbünden" hinzu. Im Weiteren gehört zu unserem Projekt auch ein Forschungs- und Entwicklungsteil: Wir wollen eine aktuelle Analyse der Situation des „Gründungsmarktes Soziale Arbeit" und der dort befindlichen Akteure sowie der Gründerinnen vornehmen und ein Profilinginstrument speziell für unseren Gegenstandsbereich und unsere Zielgruppe entwickeln. Ebenso wollen wir unsere Ergebnisse in die hochschuldidaktische Arbeit einfliessen lassen und Module zur „Existenzgründung in der Sozialen Arbeit" konzipieren.

 

Wie viele Personen sind an dem Projekt beteiligt? Aus welchen Bereichen stammen diese?

 

Im Projektteam an der Hochschule Niederrhein werde ich von 2 wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen (eine Stelle ist zur Zeit neu zu besetzen) und einer studentischen Mitarbeiterin unterstützt. Zu unseren Kooperationspartnern gehört wie schon erwähnt die „run-Initiative", Frau Prof. Dr. Kortus-Schultes vom Fachbereich Wirtschaftswissenschaften an der HS Niederrhein, der Deutsche Berufsverband für Soziale Arbeit, DBSH. Außerdem konnten wir die Unternehmensberatung für Frauen „Geld und Rosen GbR" gewinnen, mit uns zusammen zuarbeiten. Diese ist seit 20 Jahren im Feld tätig und ist mit ihrer Beratungsausrichtung auf Frauen und soziale Einrichtungenin der Bundesrepublik einzigartig.

 

Gibt es auf dem Markt bereits solche oder ähnliche Projekte? Wenn nein: wie erklären Sie sich die Marktlücke?

 

Eine erste Recherche unsererseits zeigt, dass es kein ähnliches Projekt gibt. Existenzgründung, Frauen als Gründerinnen, das Feld der Sozialen Arbeit und der sozialen Dienstleistungen sind für sich genommen Stichworte vieler Untersuchungen, Forschungsprojekte und Handlungsempfehlungen. Jedoch die Konzentration auf „Frauen als Gründerinnen in der Sozialen Arbeit" verbunden mit einem forschenden, konzeptionellen und umsetzenden Teil scheint nach jetzigem Recherchestand ein Alleinstellungsmerkmal unseres Projektes. Diese „Marktlücke" lässt sich zum Einen damit erklären, dass die Soziale Arbeit noch nicht eindeutig als Wirtschaftszweig mit dem Potential wohlfahrtsverbandlich-ungebundener Gründungen wahrgenommen wird. Zum Anderen Frauen in diesem Beschäftigungssektor - obwohl „überrepräsentiert" - für sich die Möglichkeit einer Existenzgründung zu wenig in Betracht ziehen. Auf weitere Gründe werden wir sicherlich im Laufe des Projektes noch stoßen.

 

Woran erkennen Sie, dass Sie mit dem Projekt Erfolg hatten?

Wir sind erfolgreich, wenn es uns gelungen ist, Frauen im Feld der Sozialen Arbeit für eine Existenzgründung zu begeistern und erfolgreich zu begleiten, das privat-gewerbliche Angebot von sozialen Dienstleistungen ein Stück aus dem „Nischendasein" hervor zu holen und somit Soziale Arbeit sich auch als Wirtschaftszweig etwas mehr etablieren kann. Mit unseren Fördermittelgebern sind klare Indikatoren vereinbart, an denen der Projekterfolg gemessen wird.

 

Wann wird das sein?

 

Ich hoffe doch spätestens zum Abschluss des Projektes am Ende des Jahres 2011. Da wir aber auch einige „Meilensteine" im Projektverlauf eingebaut haben, wie z.B. die Aktivierung interessierter Frauen, den „Kompetenzcheck" oder die „Gründung im Verbund" werden sich Erfolge auch sicherlich während des Projektes einstellen.

 

Gibt es eine „optimale Anwärterin" mit einem „optimalen" Konzept. Kann man das konkret benennen?

 

Die optimale Anwärterin für unser Projekt gibt es sicherlich nicht. Gründerinnen sind genauso vielfältig wie ihre Ideen und wie die Möglichkeiten des Marktes. Mit unserem Projekt wollen wir verschiedene Zielgruppen erreichen:

 

  • Frauen aus der Sozialen Arbeit, die sich mit der Idee einer Gründung tragen und Unterstützung suchen,
  • Frauen, die bereits gegründet haben und weiter wachsen wollen,
  • Frauen, die bereits seit längerer Zeit selbständig sind und sich mit anderen vernetzen wollen und expandieren wollen.
  • Frauen, die in Job oder Arbeitslosigkeit oder auch noch im Studium stehen und die Gründung als eine mögliche Perspektive ins Auge fassen.

 

Wir wollen aber auch andere Zielgruppen erreichen:

 

  • Kostenträger Sozialer Arbeit, die dabei helfen können, Entwicklungstrends im Markt privater Sozialer Dienstleistungen auszuloten,
  • Verbände und Institutionen, die im Bereich Wirtschaftsförderung und Gründungsunterstützung tätig sind, um dort für den Sozialen Dienstleistungsbereich und seine Chancen zu sensibilisieren,
  • Wissenschaft und Forschung, um noch mehr über Hindernisse und Hemmnisse aber auch über Chancen und Perspektiven der Gründung im Bereich Sozialer Arbeit herauszufinden.

 

Im den beiden vergangenen Semester haben wir bereits Seminare im Studiengang Soziale Arbeit durchgeführt, wo wir mit Studierenden Gründungskonzepte entwickelt haben. Dabei sind tolle und kreative Ideen entstanden, die eigentlich in die Umsetzung gehen könnten, sobald die Studierenden ihr Studium abgeschlossen haben. Ich will ganz kurz ein paar Beispiele nennen:

 

  • ein Bistro mit inhouse und to go Produkten in Hochschulnähe, in dem Menschen mit und ohne Behinderung arbeiten können, das zugleich Betreuung und soziale Hilfen für Behinderte anbietet und sich aus Umsätzen und Förderungen aus dem Programm „Integration unternehmen" des Landes NRW und als Integrationsbetrieb finanzieren soll,
  • eine Jugendhilfeeinrichtung, die stationäre Angebote für besonders sozial auffällige Jugendliche mit einem Reiterhof kombiniert, auf dem reitpädgogische Angebote, Arbeitserfahrung und öffentlicher Reit- und Voltigierbetrieb verbunden werden. Dabei soll insbesondere auf die Integration zwischen Jugendlichen in der Jugendhilfe und Kindern und Jugendlichen aus dem öffentlichen Betrieb des Reiterhofes hingewirkt werden.
  • eine ambulante Einrichtung in der Altenhilfe, die neue Möglichkeiten des Pflegeversicherungsgesetzes, insbesondere für Demenzkranke in ambulante Angebote umsetzt und diese mit den Versicherungen entsprechend des Spielraumes des Gesetzes aushandelt und somit ganz neue Produkte und Angebote entwickelt.

 

Das sind nur ein paar kleine Appetitmacher für unser Projekt. Weitere Informationen über unsere Veranstaltungen finden Sie in unserem Terminkalender.

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