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Aus der Region gewachsen

von Professor Dr. Hermann Ostendorf

 

2011 feierte die Hochschule Niederrhein ihr 40-jähriges Bestehen in der jetzigen Form. Doch im Grunde genommen wurde an den Standorten in Krefeld und Mönchengladbach die Fachhochschulidee immer schon gelebt. Der Rückblick auf unsere Geschichte zeigt, woher wir kommen und auf welchen Erfahrungsschatz wir zurückgreifen.

 

1855: Höhere Webschule Crefeld

 

Basis der industriellen Entwicklung im 19. Jahrhundert ist auch am linken Niederrhein die Textiltechnologie. Diese wird anfangs getragen vom Verlegersystem, bei dem von Webern in Heimarbeit hergestellte Textilien von Verlegern vermarktet werden.

 

Mechanisierung und Automatisierung sorgen in der Mitte des Jahrhunderts für einen radikalen Wandel. Das System der Heimarbeit wird innerhalb weniger Jahre abgelöst und ersetzt durch automatisierte Webstühle in großen Fabrikhallen. Diese Veränderungen machen - trotz des preußischen Samt- und Seidenmonopols für Krefeld - eine erweiterte Qualifizierung der Beschäftigten in der Textilbranche dringend erforderlich, da viele Krefelder Fabrikanten ihren Nachwuchs zum Hauptkonkurrenten nach Lyon zur Ausbildung schicken.

 

Aus diesem lokalen Bildungsnotstand heraus wird 1855 durch die Initiative der Handelskammer Krefeld die "Höhere Webschule Crefeld" gegründet, die erste höhere Bildungseinrichtung am Niederrhein. Das ist die Geburtsstunde der Hochschule Niederrhein.

 

 

1883: Königliche Webe-, Färberei- und Appreturschule

 

1878 ist es wieder die Krefelder Industrie, die sich um die Zukunftsfähigkeit der "alten" Seidenindustrie sorgt. Es scheint erforderlich, die Möglichkeiten und Chancen der neuen aufstrebenden Farben- und Chemieindustrie zu nutzen.

 

Die Handelskammer fordert eine grundlegende Reorganisation der "Städtischen Webeschule" nach dem Vorbild renommierter ausländischer Einrichtungen, wie z.B. in Lyon.

 

Unter großem persönlichen und finanziellen Engagement wohlhabender Seidenfabrikanten, der Krefelder Handelskammer und des preußischen Staates eröffnet 1883 - international beachtet - die "Königliche Webe-, Färberei- und Appreturschule" in einem prachtvollen Gebäude. Alle Zweige der Textiltechnologie und -chemie werden einbezogen, einschließlich der modernen Farben- und Veredlungsverfahren.

 

Unter dem Farbstoffchemiker Prof. Dr. Heinrich Lange, der die Schulleitung von der BASF kommend übernahm, entwickelt sich die Institution zu einer Bildungseinrichtung mit Weltruhm. So lassen sich in ihren ersten 25 Jahren 80 bereits promovierte Studenten aus aller Welt nachweisen. Sie haben zuvor an anderen Hochschulen bei Größen ihres Faches wie z.B. Justus von Liebig studiert und beginnen jetzt an der "Königliche Webe-, Färberei- und Appreturschule" ein zweites praxisorientiertes Studium.

 

Diese Vorgängereinrichtung darf 1904 in den "Boom"-Jahren der Farbstoffindustrie auf der Weltausstellung im US-amerikanischen St. Louis für das Deutsche Reich die Ausbildung in diesem Bereich repräsentieren.

 

Bereits 1895 ist das Gebäude zu klein. Die noch heute existierenden Gebäude auf der Adlerstraße werden die neue Heimat der ausgegliederten Färberei- und Appreturschule.

 

Die breite fachliche, anwendungsbezogene und praxisnahe Aufstellung begünstigt die Entwicklung weiterer Fachgebiete in der Schule. In enger Wechselwirkung mit der Wirtschaft werden die Faserveredlung, Kunstfasern, Farben und Lacke, sowie Reinigung und Hygiene zu neuen Feldern angewandter Forschung und Lehre.

 

1904: Handwerker- und Kunstgewerbeschule

 

Textile Flächenkunst und Farbenlehre spielen hier aber auch an einer anderen Vorgängereinrichtung eine wichtige Rolle, der "Crefelder Werkkunstschule".

 

"Design bedeutet, der Umgebung Gestalt geben", so das Credo der Gründungsbefürworter der am 1. Oktober 1904 gegründeten "Handwerker- und Kunstgewerbeschule", aus der die "Crefelder Werkkunstschule" hervorging.

 

Sie wurde zu einer bedeutsamen Institution der angewandten Kunst. Malerei, Grafik, Glasmalerei, Textildesign, Keramik oder Architektur waren wichtige Lehrgebiete an dieser Institution.

 

Heinrich Campendonk, Helmut Macke, Henry van der Velde, Jan Thorn Pricker, August Biebricher, Fritz Winter oder Peter Lindbergh sind nur einige Beispiele berühmter Künstlerpersönlichkeiten, die als Dozenten oder Studenten der Werkkunstschule verbunden waren. Einige haben die Kunstgeschichte nachhaltig beeinflusst.