03.07.2006

Mit Erasmus nach Spanien - Praktikum, Uni und Fiesta

Der Weg zu meinem Praxissemester, Bereich: Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung

Nachdem ich die dreitägige Anreise mit meinem VW T 3 mit netter Begleitung eines Musikers und Tellerwäschers geschafft hatte, kam ich am 1. März in Pamplona bei meiner Gastfamilie an: Mum Pilar und Sohn Lukas. Innerhalb der ersten vier Tage half mir Pilar, eine Wohnung im Zentrum zu finden.

An der Universidad Pública de Navarra traf ich meinen Vertrauensprofessor Prof. Dr. Jesus Hernandez Aristú (Ehrensenator unserer Hochschule), der mich schon erwartete.

 

Vorstellungsgespräch bei Hegoak, Streetwork und Drogenprävention.

Nach einer Woche trafen wir uns in der Einrichtung und erfuhren, dass sich interne Änderungen ergeben hatten und ich nicht bleiben konnte. Wir mussten die weiteren Organisationen, die kontinuierlich mit der Uni zusammenarbeiten, befragen. Jeder sollte viel Geduld mitbringen, da die Dinge eben anders ablaufen und ggf. länger dauern. Letztlich fand ich durch große Hilfe von Jesús und zusätzlich durch meine Gastfamilienmutter jeweils eine Stelle und entschied mich nach Absprache mit Jesús. Die Stelle hatte - nebenbei erwähnt - bis dato noch keine(n) europäische(n) Praktikanten/-innen über die öffentliche Uni Pamplonas aufgenommen.

Bis dahin konnte ich schon einmal an der Uni meine Immatrikulation (in der Oficina de Relaciones Exteriores) vornehmen und vor allem das Sprachkursangebot erkunden und teilnehmen. Überraschenderweise sprechen die gesamten Pamplonesen dich auf „Du" an - ob Professoren oder Bankangestellte. Hierbei nahm ich an dem kostenlosen Unikurs Curso de espanol para extranjeros (Spanisch als Fremdsprache) teil und zusätzlich an einem Kurs außerhalb der Uni teil (José Ma Iribarren, Centro Público de Educación Básica de Personas Adultas). Zudem gibt es einen kostenpflichtigen Sprachkurs beim Sprachzentrum, welcher nach einem Einstellungstest in vier Niveaustufen mündet.

 

Liebe Studis, ich kann nur anraten das kostenlose Angebot an der Hochschule Niederrhein soviel wie möglich (!) zu nutzen - ich habe bis Kurs III teilgenommen und hatte keine weiteren schulischen Vorkenntnisse vorzuweisen. Jedoch halfen mir meine guten praktischen Französischkenntnisse letztlich für den Einstieg in eine weitere lateinische Sprache. Zudem nutzte ich in Spanien die guten Hochschul-Sporteinrichtungen (Schwimmbad, Kletterwand, Fitnessstudio etc.). Der Kostenpunkt liegt pro Semester bei ca. 70 Euro.

 

Persönlich fand ich es sehr hilfreich in einer multikulturellen 6er WG zu wohnen, in welcher wir nur spanisch sprachen und keine weiteren Deutschen wohnten. Die Unterkunft in Pamplona organisiert die Uni nur für die ersten vier Nächte. In dieser Zeit findest du mit Hilfe von Unterkunftslisten im Informationsbüro (in der Aula) bzw. am schwarzen Brett an der Uni eine WG.

Die ersten Studies - oder auch Mitbewohner - lernt man in der Erasmus Einführungsveranstaltung und Sprachcrashkurs kennen (also pünktlich anreisen!). Die Preise für ein Zimmer in einer komplett eingerichteten WG liegen übrigens bei 180 bis 220 € (warm). Die Lebenshaltungskosten sind ungefähr wie in Deutschland - allerdings gibt es ein preisliches Nord-Süd Gefälle auf der Iberischen Halbinsel.

Die Anreise ist zum Glück dank vieler Billigfluglinien günstig und einfach. Am einfachsten fliegst du mit HLX von Köln/Stuttgart nach Bilbao. Von dort ab kannst du mit dem guten spanischen Bussystem für ca. 12 € nach Pamplona düsen. Die Kosten für Reiselustige (einfache Strecke): San Sebastian: 7 €, Madrid: 22 € (400 km), Barcelona: 20 €. Wie du siehst sind die Preise um gut die Hälfte günstiger als in Deutschland.

 

Praktikumsstelle

Es handelte sich um eine Organisation der freien Kinder- und Jugendhilfe, die sich vor allem um die Altergruppe von 4-16 Jahren kümmert. Die Hintergründe sind körperliche und psychische Misshandlung, Vernachlässigung, Trennung der Eltern und Immigrationshintergrund mit kulturellen Unterschieden. Die Einrichtung arbeitet mit einem ganzeinheitlichen Konzept, das Perspektiven der verschiedenartigen Verarbeitung und Ausdrücken von gelebten Situationen vermittelt. Die Teile der Einrichtung sind: Kinderheim, Familienbegegnungsstätte, Clearingstelle, Tageszentrum

 

Mein erstes Erfahrungsfeld war die Tageseinrichtung, die in drei Altersgruppen eingeteilt ist. Ich habe im pädagogischen Team mit zwei SozialarbeiterInnen und zwei PsychologiestudentInnen den Nachmittag mit den vier bis achtjährigen Kids gestaltet: Die Aktivitäten nebst gemeinsamen Essen sind: Bastelarbeit, Zirkus, Theater, Schminken und Ausflüge (Sport, Museum, etc.). Ich fühlte mich trotz beachtlicher Verständigungsprobleme als Teil des Zentrums - wir lachten viel zusammen. Während der Osterferien haben wir Ausflüge ins Sinnerlebnismuseum und in einen Tier- und Freizeitpark unternommen. Hierbei waren die Vier- bis Sechzehnjährigen dabei, so dass wir schöne erlebnisreiche und anstrengende Gruppenbetreuungstage erlebten.

Weiterhin als zweites Testfeld für meine theoretischen, sprachlichen und organisatorischen Kenntnisse und Fähigkeiten habe ich ein Projekt durchgeführt. Dafür erklärten mir vorab die Personalverantwortliche Isabel und der Direktor Juan Miguel die verschiedenen Arbeitsbereiche und die organisatorischen Strukturen der Institution. Sehr spannend war es auch, den „Identitätswandel" vom kirchlichen Träger zum freien Träger während monatlicher Meetings aller MitarbeiterInnen zu begleiten und die diversen Probleme zu hören.

Alles in allem habe ich alle meine Kollegen sehr geschätzt, da sie alle sehr geduldig mit mir waren und ihre ganze Energie für die Kinder und Jugendlichen einbringen.

 

Das Königreich Navarra - was ist das? Etwa eine Disneyland-Verfilmung?

Warum soll man(n) und Frau denn unbedingt nach Barcelona oder Madrid? Der Norden ist ein Geheimtipp der Individualtouristen. Die costa verde oder die picos de Europa sind nebst den Pyrenäen nur einige hot spots. Nun möchte ich aber über die Stadt Pamplona erzählen, die im ehemaligen Königreich Navarra in Nordwestspanien liegt. Heute können wir dies vereinfachungshalber mit einem deutschen Bundesland vergleichen. Geschichtlich war Pamplona seitdem die Mauren im 8. Jahrhundert den Norden Spaniens besetzten, teilweise Verbündeter der Eroberer. König Sancho König III. jedoch brachte Navarra um das Jahr 1000 die Vorherrschaft über ganz Nordspanien ein. Das Glück brachte dann später auch der Camino de Santiago (Jakobsweg) ab dem 11.Jahrhundert: viel Geld kam in die Region, da der Pilgerweg sich in Navarra vereint.

Wie bei Asterix und Obelix konnte sich Klein-Navarra oft nicht gegen die starken Nachbarn bzw. ‑länder (Frankreich) behaupten und wurde fremdregiert. Allerdings banden die Katholischen Könige im 16. Jahrhundert Navarra vertraglich an Spanien. Beachtlich finde ich, dass bis heute u. a. zwei Aspekte erhalten blieben: die fueros (Sonderrechte), wie auch die zusätzliche eigene Landespolizei (man beachte: die Comunidad Autónoma hat 600.000 Einwohner!).

Weiterhin finden sich hier zwei Sprachen: Spanisch und Baskisch. Diese indogermanische Sprache, die von den Basken gerne als älteste Sprache Europas bezeichnet wird, wird auch außerhalb des Baskenlandes (San Sebastian) in Navarra häufig parallel von Geburt auf gelehrt und gesprochen.

Im Ganzen ist Pamplona heute mit zwei Universitäten und einem passablen Fußballclub (ca. 230.000 Einwohnern) eine lebendige Stadt, die genügend Feste und Kultur für junge Studis bietet.

 

Was hat San Fermin zu bieten?

Zur Fiestazeit von San Fermin (6.-14. Juli) platzt Irunea aus den Nähten. Entgehen lassen solltest du dir dieses Spektakel nicht. Pamplonas grüne Flächen werden von tausenden Wildcampern währenddessen als Schlafplatz benutzt. Zum Event kommen fünfmal soviel Besucher wie die Stadt an Einwohnern hat. Also sage und schreibe reisen 1.000.000 Leute zur traditionellen Ehrung des Heiligen Papstes Fermin an, jedoch aber vielmehr um ausgiebig zu feiern und die täglich statt findenden Bullruns (Stiertreiben) mitzuerleben oder selbst mit zu rennen. Ein sehr gefährliches Spiel mit 600 kg Kraftprotzen. Doch das ist längst nicht alles (auch viele Spanier könnten ohne die Stiere feiern!): Konzerte, DJs, Traditionstanz, Straßenkünstler, Sportwettkampf (Hacken, Gewichte heben) und ein großes Angebot für Kinder u. v. m. Letztlich ist es ein Fest aller Altersgruppen in der traditionellen rot‑weißen Kleidung.


Schlussbemerkung:

Ich habe neben dem Praktikum auch an der Uni mit seinem großen neuen Campus mehrere Veranstaltungen besucht. Es besteht ein großes Angebot an zugänglichen Veranstaltungen (freie Wahl). Es ist ein Riesenunterschied, einen Campus zu haben, welcher 30-mal größer ist als der unsrige und lecker Tortilla in der ganztags geöffneten Cafeteria bietet. Ich habe viel mit meinen WG‑Mitbewohnern David, Inaki, Mara, Franceline und Lucas unternommen oder mit Kollegen gefeiert, aber auch die frische Erasmusgemeinschaft genossen, die ich näher auf den von der Uni angebotenen kostenlosen Ausflügen kennen lernte. Alles in Allem habe ich ein Netzwerk an lieben Menschen gesponnen, das ich nicht missen möchte. Zudem unternahmen wir schöne Ausflüge, die uns nicht nur an den Atlantik führten.

Also los, liebe Mitstudentinnen und -studenten: auf zu den Auslandsbeauftragten Sabine und Katja (venga):

Just do it! Die Mühe lohnt sich wirklich - für eure Persönlichkeit und euren Werdegang.

Mucha suerte für eure Bemühungen! Navarra wartet auf Euch.

 

Hasta luego y tengo que decir aqui muchas gracias de la asistencia todo a Prof. Dr. Jesús H. Aristu, Prof. Dr. Marlo Riege, Sabine, Anja y Jennifer.

 

Hansjörg Brunhuber