22.06.2007

Praktikum bei der European Civic Education Foundation in Budapest

Bei der Suche nach einem Autor im Internet bin ich zufällig auf die Internetseite der European Civic Education Foundation in Budapest gestoßen. Die Seite war für mich inhaltlich sehr ansprechend, da sie viele Beiträge über die politische und kulturelle Bildung enthält und somit der Kulturpädagogik im Sinne einer ganzheitlichen Betrachtung des Menschen und der Förderung von Lebenskompetenzen und der Persönlichkeitsentwicklung sehr Nahe steht.

Nach mehrmaliger Korrespondenz mit dem Hauptmitarbeiter der Stiftung, Michael Stanzer, der ursprünglich aus Österreich stammt, hat sich mir ihr eher unkonventioneller Charakter, den ich über die Internetseite gewonnen habe, bestätigt. Herr Stanzer war von Anfang an sehr offen und hilfsbereit und hat mich über die nur begrenzten Möglichkeiten der Arbeit bei der Stiftung aufgeklärt. Auch hat mich gerade der unkonventionelle Charakter dieser NGO angezogen, da ich nicht in eine große Institution mit festgefahrenen Hierarchien und ohne Mitspracherecht wollte und dafür auch auf ein Praktikantengehalt verzichtete. Nachdem sich auch Herr Stanzer durch ein Bewerbungsschreiben einen Eindruck über mich machen konnte, gab er mir unmittelbar die Zusage für ein Praktikum.

 

Aufgaben und Tätigkeiten:

Vor meinem Aufenthalt in Budapest nahm ich sozusagen als Vertreter der Stiftung an einem Workshop mit dem Titel Methods on European Citizenship Education in Krzyzowa (Polen) teil. Hier trafen Jugendarbeiter aus ganz Europa zusammen, wodurch mir wichtige Einblicke in die Beschäftigungsmöglichkeiten auf dem Gebiet der politischen Jugendbildung gewährt wurden. Außerdem orientieren sich solche Fortbildungen für Jugend- und Erwachsenenbildner oftmals an den Zielen der Europäischen Union bzgl. der politischen Bildung und der Vorstellung einer europäischen Bürgerlichkeit und werden auch meist über Förderungen der EU finanziert. Hier wurde mir auch klar, dass diese politische Dimension und das hierfür notwendige Fachwissen im Studiengang Kulturpädagogik völlig außer Acht gelassen wird, was ich für sehr bedenklich halte, gerade auch weil eben riesige Fördersummen der EU in diesen Bereich fließen, über die Institutionen aus dem Bereich der Jugend- und Erwachsenenbildung sich ihre Projekte zu großen Teilen finanzieren lassen können.

Nachdem ich mich ein bisschen in Budapest eingelebt hatte, arbeiteten wir zunächst an der Konzeption des Young Civic Radio-Europe, einem Projekt, das durch ein Querschnittsprogramm im Rahmen des Lifelong Learning Programms der EU teilfinanziert werden soll. Die Konzeption machte sehr viel Spaß, da ich auch sehr viele Freiräume hatte, meine eigenen Ideen mit einzubringen. Außerdem sammelte ich unmittelbare Erfahrungen bei dem komplexen Verfahren der Antragsstellung, das sehr zeit- und arbeitsaufwendig ist. Hierfür musste ich auch viel mit den anderen Projektbeteiligten innerhalb der EU und auch mit der Europäischen Kommission, oftmals auch auf Englisch, kommunizieren. Bei diesem Antrag habe ich auch erstmals eine komplette 2-Jahres-Kalkulation erstellt. Meine Erfahrungen bzgl. der Antragsstellung werde ich auch zukünftig für Anträge auf nationaler oder lokaler Ebene nutzen können, da die EU-Anträge oftmals als Grundlage für andere Fördermöglichkeiten dienen.

Da Herr Stanzer der einzige Mitarbeiter ist, der permanent für die Stiftung arbeitet, hatte ich auch fast immer nur mit ihm zu tun. Dies war nur möglich, weil wir uns von Anfang an gut verstanden. Spannungen und Meinungsverschiedenheiten sind dabei wohl immer unvermeidlich, können aber auch fruchtbar sein. Das Arbeitsverhältnis war insgesamt betrachtet sehr partnerschaftlich. Herr Stanzer war immer sehr offen und hat mir auch sehr viele neue Denkanstöße gegeben. Wir werden auch in Zukunft noch kooperieren. Im Moment organisiere ich für die Stiftung gerade eine Fortbildung für Lehrer und Erwachsenenbildner im März 2008 in Budapest.

Im Großen und Ganzen war ich mit der Arbeit bei der Stiftung sehr zufrieden. Ich habe sehr viele Eindrücke bzgl. der Antragsstellung und der Bildungsprogrammen der Europäischen Kommission gewinnen können. Ich hätte mir aber gewünscht mehr Dinge in die Praxis umsetzen zu können, was aber mangels finanzieller Mittel leider nicht möglich war.

Bei den, wenn auch nur kurzen, Projekten mit Schülern der Europaschule Budapest, sammelte ich erste wichtige Erfahrung bezüglich meiner eigenen pädagogischen Arbeit und für mein Auftreten und Verhalten als Pädagoge bzw. Projektanleiter. Die Gespräche mit Frau Stanzer und die Einblicke in ihre Lehrtätigkeit vermittelten mir einen sehr guten Eindruck davon, wie eine ganzheitliche Schulbildung im Sinne der Entwicklung und Förderung von sozialen Kompetenzen im Unterschied zur reinen Wissensvermittlung, wie ich sie selbst meist in meiner Schulzeit erlebt habe, aussehen kann.

Auf der Schülerfreizeit hat Frau Stanzer sehr darauf geachtet, dass Konflikte unter den Schülern angesprochen und offen ausgetragen werden. Mir wurde sehr schnell bewusst, welchen Aufwand und welche Energie es kostet, wirklich am Menschen zu arbeiten und nicht nur Wissen zu vermitteln und permanent zu disziplinieren.

Auch hier fehlt es in Bezug auf unsere Studieninhalte an Seminaren oder Reflexionsgruppen, in denen man sich mit dem Thema des richtigen Auftretens und Verhaltens als Pädagogen bzw. wie man richtig eine Gruppe anleitet und Konflikte innerhalb einer Gruppe lösen kann, auseinandersetzt. Das Seminar Praxisbegleitung, das für Studierende, die ihr Praktikum nicht in Hochschulnähe absolviert haben, erst im darauf folgenden Semester stattfindet, ist dafür aus meiner Sicht nicht ausreichend.

Gemeinsam mit weiteren Studenten und Dozenten der HS-Niederrhein nahm ich auch am 13. Symposium für Soziale Arbeit im ungarischen Györ teil. Während dieses einwöchigen Symposiums hatte ich Gelegenheit einen Eindruck über das Studium der Sozialen Arbeit an der Fachhochschule in Györ und über soziale Einrichtungen in Ungarn, die teils fortschrittlich, aber auch teils sehr rückständig arbeiten, zu gewinnen. Wenn es auch teilweise etwas chaotisch zuging, so wurden wir in Györ sehr gastfreundlich empfangen und für die dortigen finanziellen Mittel sehr gut versorgt.

Auch hat sich für mich wieder einmal gezeigt, wie bereichernd und lebensnah der informelle Informationsaustausch mit den Dozenten aus unserem Fachbereich und aus Hochschulen aus ganz Europa im Unterschied zu reinen Wissensvermittlung über Vorlesungen sein kann.

 

Sprache und Kommunikation:

Ich hatte während meines viermonatigen Aufenthalts in Ungarn leider nur sehr wenige Privatkontakte. Die Sprache ist leider eine große Hürde um Einheimische kennen zu lernen. Da ich für die Arbeit bei der Stiftung und an der Europaschule keine Ungarischkenntnisse benötigte, war es nicht so wichtig für mich, Ungarisch zu lernen. Ich rate aber dringend davon ab, ohne oder nur mit grundlegenden Ungarischkenntnissen in einer Institution zu arbeiten an der hauptsächlich Ungarisch gesprochen wird.

Ungarisch ist, so weit mir berichtet wurde, eine sehr logische Sprache, unterscheidet sich aber grundlegend von den indogermanischen Sprachen, wie Deutsch, Englisch, etc. Die Sprache wirkte auf mich sehr fremd, was auch an Ihren asiatischen Wurzeln liegt. Man kann den Aufwand für das Erlernen dieser Sprache mit dem für eine asiatische Sprache gleichsetzen. Um zumindest Ungarisch für den alltäglichen Gebrauch zu erlernen, würde ich empfehlen, schon vor einem Aufenthalt in Ungarn mit dem Lernen zu beginnen und sich eventuell einen eTandempartner zu suchen. Sprachkurse in Budapest findet man eventuell an eine der deutschsprachigen Universitäten (z. B. Semmelweis Universität).

Gerade bei älteren Ungarn kann man auch das Glück haben, dass sie auch Deutsch sprechen. Die jungen Ungaren sprechen leider meist nur schlechtes Englisch, sind aber meistens freundlich und offen, vielleicht ein bisschen schüchtern. Ich habe so gut wie keine negativen Erfahrungen beim Umgang mit Einheimischen gemacht. Leider hapert es oft bei der Kommunikation mit ungarischen Institutionen oder wenn es darum geht Termine einzuhalten.

Zum Telefonieren innerhalb Ungarns empfehle ich, eine Prepaid-Karte fürs Handy zu kaufen. Wenn man einen Internetanschluss hat, kann man auch mittels Skype telefonieren und Kurzmitteilungen verschicken.

 

Privatleben:

In Budapest findet man an vielen Punkten Reisende und Studierende aus der ganzen Welt, die auch meistens Englisch sprechen. Ein wichtiger Treffpunkt ist das Szimpla. Auch die alternative Szene beginnt in Budapest zu blühen. Wichtige Treffpunkte sind hier das Siraly oder auch das Cökxpôn Ambient Cafe Theater. Da ich am Anfang sehr viel alleine war, nutzte ich die Zeit viele Informationen und Locations über das Internet zu suchen. Einen guten Überblick über das facettenreiche kulturelle Programm und die zahlreichen Veranstaltungsorte bietet das Veranstaltungsmagazin Pestiest, das auch überall ausliegt (leider nur auf Ungarisch). Um Leute kennen zu lernen kann ich auch überall den Hospitality Club empfehlen. Der Hospitality Club ist eine Internetplattform in der Menschen aus aller Welt verzeichnet sind, die sich gegenseitig kostenlos einen Schlafplatz zur Verfügung stellen oder sich einfach nur treffen wollen. Bei einem Meeting des Hospitality Clubs habe ich dann auch die Leute kennen gelernt mit denen ich dann auch die weitere Zeit über etwas unternehmen konnte.

Ein weiterer Anlaufpunkt ist das Goethe-Institut in Budapest, wo regelmäßig Veranstaltungen auf Deutsch und mit ungarischer Übersetzung bzw. umgekehrt stattfinden. Hier kann man ebenfalls in zwei verschiedenen Bereichen ein Praktikum absolvieren, die Anforderungen sind aber relativ hoch.

 

Wohnen und Essen:

Die Lebenshaltungskosten in Budapest sind fast auf das westliche Niveau angestiegen. Lebensmittel kosten bis auf die Grundnahrungsmittel genauso viel wie in Deutschland. Wenn man die richtigen Restaurants kennt, kann man für ungefähr 6 bis 8 € noch relativ günstig und gut essen. Leider ist es gerade bei Ausländern üblich 10-20% für den Service zu berechnen, was illegal ist.

Die Mieten sind noch günstiger als in Deutschland. Ich habe für eine komplette Wohnung in einem Plattenbau auf der Pest-Seite 250 € bezahlt. Ich musste bar bezahlen. Einen richtigen Mietvertrag gab es nicht. Die Wohnung hat mir Herr Stanzer über seine Kontakte vermittelt.

Einen DSL-Anschluss gibt es z. B. bei Chello und er kostet 32 €/Monat. Da die Stiftung kein eigenes Bürogebäude besitzt, arbeitete ich oft von zu Hause aus oder im Wohnhaus der Stanzers. Die eigene Wohnung war zum Arbeiten ideal, um aber mehr Anschluss an die Bevölkerung zu gewinnen, hätte ich im Nachhinein lieber in einer WG gelebt. Es gibt eine spezielle Agentur, die günstige WG-Zimmer an ausländische Studenten vermittelt (Budapest student rent solutions).

Wer sehr günstig wohnen will, kann auch versuchen ein Zimmer im CEU Konferenz Zentrum zu bekommen. Das ist ein Wohnheim, das wie ein Hotel geführt wird. Dort finden sich sehr viele internationale Studenten von der Central European University. Ein Zimmer kostet ca. 160 €/Monat. Die Zimmer sind allerdings sehr klein und das Konferenzzentrum liegt ziemlich weit außerhalb und ist nachts mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur sehr umständlich zu erreichen.

 

Finanzielles:

Die Währung in Ungarn ist der Forint. 250 Forint (HUF) entsprechen ca. 1 €. Man kann überall Geld abheben, was aber jedes Mal 4 € Gebühr kostet. Bezahlt man mit EC-Karte so kostet dies jedes Mal 0,80 €. Es gibt auch überall Wechselstuben. Man sollte aber darauf achten, dass man eine Wechselstube mit einem guten Kurs erwischt. Es gibt auch Wechselstuben die absichtlich einen sehr schlechten Kurs anbieten. Davor sprechen einen dann Männer an, die einen etwas besseren Kurs anbieten und mit der Wechselstube gemeinsame Sache machen.

 

Öffentliche Verkehrsmittel:

Das Netz der öffentlichen Verkehrsmittel in Budapest ist sehr gut ausgebaut. Es gibt drei Metrolinien, die die Nord-Süd und die West-Ost Achse abdecken. Oberirdisch fahren Busse und Straßenbahnen. Nach 23 Uhr fahren regelmäßig Nachtbusse in alle Teile der Stadt. Ein Monatsticket für Studenten kostet HUF 2,950, also ca. 12 €. Ich hatte leider keinen internationalen Studentenausweis, habe aber auch erfahren, dass ich nur mit einem ungarischen Studentenausweis, die Vergünstigung bekommen hätte. Ein reguläres Monatsticket kostet HUF 7,350, also 29,40 €. Man kann sich auch einmalig einen reguläres Monatsticket kaufen und sich dann die Coupons für die weiteren Monate von einem ungarischen Studenten kaufen lassen. In der Metro wird man fast permanent an den Ein- oder Ausgängen kontrolliert. Bei den oberirdischen Verkehrsmitteln gibt es so gut wie keine Kontrolleure. Weitere Informationen zu den öffentlichen Verkehrsmitteln findet man auf den Seiten des BKV

 

Anreise und Reisen:

Nach Budapest kommt man am schnellsten und günstigsten mit einem Billigflieger. Der Flughafen liegt etwas außerhalb, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln kommt man aber bis direkt in die Stadt. Einen zuverlässigen und günstigen Shuttle-Service findet man auf den Seiten des Budapest Airport.

Budapest ist auch ein guter Ausgangspunkt um weitere europäische Metropolen wie Wien (3½ h mit dem Schnellzug) oder Bratislava zu besuchen. Wenn auch mit größerer Entfernung, so ist Budapest ungefähr der Mittelpunk zwischen den Städten Prag, Krakau, Belgrad, Bukarest und Zagreb.

Bahnfahren ist in Ungarn relativ günstig. Wenn man erst 24 Stunden vor Abreise bucht, bekommt man sehr günstige Angebote z. B. nach Wien.

Die Metropole Budapest, kann wohl nicht als Maßstab für eine typisch ungarische Stadt angesehen werden. Die weiteren Städte innerhalb Ungarns sind, was die Jugendkultur angeht, eher unspektakulär und nur interessant, wenn man sich für die Kultur oder die teilweise schöne Natur interessiert. Gleich nördlich von Budapest an der Donau liegt das malerische Städtchen Szentendre. Südwestlich, nicht weit entfernt vom Plattensee, liegt die Stadt Székesfehévár, der Ort an dem die ungarischen Könige gekrönt wurden. Im Norden an der Grenze zu Slovenien liegt Esztergom. Dort steht die größte Basilika des Landes. Für weitere „touristische" Informationen empfehle ich neben Wikipedia auch Wikitravel.

 

Martin Kahles, Kulturpädagogik