Theoretischer Hintergrund - Kompetenzzentrum Ressourcenorientierte Alter(n)sforschung (REAL)

Ressourcenorientierte Alter(n)sforschung – theoretischer Hintergrund

 

Gerontologie (Alternsforschung) als Wissenschaft hat sich lange Zeit vornehmlich mit medizinischen Fragestellungen des Älterwerdens beschäftigt. Der Wunsch möglichst lange jung zu bleiben, lange zu leben und dabei gesund zu altern, stand und steht auch heute im Mittelpunkt des Interesses der Menschen und der Wissenschaft.

 

Veränderungen im Laufe des Älterwerdens finden aber nicht nur im biologisch-medizinischen Bereich statt, sondern auch im psychologischen und sozialen Bereich. Die Notwendigkeit unterschiedlicher Betrachtungsweisen des Alter(n)sprozesses macht demnach eine interdisziplinäre wissenschaftliche Sichtweise notwendig, die einen mehrdimensionalen Forschungsansatz erforderlich macht. Gerontologie ist interdisziplinär verortet.

 

Baltes & Baltes definieren den Begriff Gerontologie wie folgt: „Gerontologie beschäftigt sich mit der Beschreibung, Erklärung und Modifikation von körperlichen, psychischen, sozialen, historischen und kulturellen Aspekten des Alterns und des Alters, einschließlich der Analyse von alternsrelevanten und alternskonstituierenden Umwelten und sozialen Institutionen" (Baltes & Baltes, 1992, 8).

 

Die Definition von Gerontologie nach Baltes & Baltes zeigt die Interdisziplinarität dieser Wissenschaft auf. Psychologie (Gerontopsychologie), Pädagogik (Geragogik), Soziologie Gerontosoziologie), Medizin (Geriatrie), Psychiatrie (Gerontopsychiatrie), Theologie, Philosophie, Biologie des Alterns, Nationalökonomie (Rentenpolitik), Demographie (Altersstruktur und -dyna¬mik), Pharmakologie (Geriatrikaforschung) leisten einen wissenschaftlichen und praxisbezogenen Beitrag zur Alternsforschung. Als weitere Anwendungsbereiche werden Stadtplanung/Architektur (Altersheime, Altenwohnungen, Altenzentren), Technik (Ergonomie, Unfallverhütung), Wirtschaft (Seniorentourismus), Sozialarbeit (Altenhilfe, Altenarbeit), Publizistik (Seniorenprogramme) beschrieben (vgl. Reimann, 1994, 11).

 

Physiologische Theorien des Alterns sehen das Altern als eine Folge von Abbauprozessen, die letztendlich zum Tode führen. Diese Theorien sind eher defizitär orientiert. Die defizitäre Sichtweise des Alterns war lange Zeit vorherrschend. Filipp und Mayer weisen in diesem Zusammenhang auf die Untersuchungen von Schaie (1993) hin, der feststellte, dass durch Ergebnisse gerontopsychologischer Forschung die defizitäre Sichtweise des Alters gefördert worden war und lange Zeit erhalten blieb. Durch rein querschnittliche Erhebungen kam es zu Fehlinter¬pre¬tationen der Testleistungen älterer Menschen. Alter wurde danach mit Abbau gleichgesetzt. Bei den kognitiven Leistungen konnten hier nur Unterschiede zwischen einzelnen Geburtsjahrgängen ermittelt werden, ein Abbau der Leistungen hätte längsschnittlich untersucht werden müssen, um objektive Ergebnisse zu erhalten (vgl. Filipp, u.a., 1999, 30). Die Entwicklungspsychologie der Lebensspanne zeigte hingegen auf, dass Alter während der gesamten Lebensspanne Chancen und Verluste, Wachstum und Abbau beinhaltet.

 

Das Altern kein homogener Vorgang ist, hat die Alternsforschung nachgewiesen. Keine Biographie gleicht der anderen, die Unterschiedlichkeit entsteht durch die unterschiedlichen Erfahrungen, die die Menschen im Laufe ihres Lebens machen und die Art und Weise, wie diese Erfahrungen verarbeitet und bewertet werden (vgl. Filipp, u.a., 1999, 31).

 

Die defizitäre Sichtweise des Alters, die noch in den 1960er Jahren vorherrschend war, wurde durch die Erkenntnisse der psychologischen Gerontologie gewandelt. Neben Studien im Rahmen einer psychologischen Intelligenzforschung bewirkten Studien zur Feststellung der Plastizität individueller Entwicklung bis ins hohe Alter, Studien über die Möglichkeit zur Erhaltung von Kompetenzen und Potenzialen des Alters eine Orientierung an der Entwicklungsfähigkeit im Alter (Tews, 1994, 37ff).

 

Die heutige Alternsforschung beschäftigt sich nicht mehr mit einer defizitären sondern mit einer ressourcenorientierten Sichtweise des Alters. Der Ressourcenbegriff bezieht sich nicht nur auf materielle Ressourcen, sondern insbesondere im pädagogisch-psychologischen Bereich auf intra- und interpersonale Ressourcen, hier Fähigkeiten, Fertigkeiten, Kompetenzen und unterstützende Beziehungen.

 

„Unter Ressourcen wollen wir somit jene positiven Personenpotentiale („personale Ressourcen") und Umweltpotentiale („soziale Ressourcen") verstehen, die von der Person
(1) zur Befriedigung seiner Grundbedürfnisse,
(2) zur Bewältigung altersspezifischer Entwicklungsaufgaben,
(3) zur gelingenden Bearbeitung von belastenden Alltagsanforderungen,
(4) zur Realisierung von langfristigen Identitätszielen genutzt werden können

und damit zur Sicherung ihrer psychischen Integrität, zur Kontrolle von Selbst und Umwelt sowie zu einem umfassenden biopsychosozialen Wohlbefinden beitragen" (Herriger, 2006, S. 3).

 

Der demografische Wandel stellt den einzelnen Menschen, die Politik und die Gesellschaft vor vielfältige Herausforderungen, die sich auf das Handlungsfeld der Sozialen Arbeit auswirken. Die Handlungsfelder und Zielgruppen bewegen sich im Spannungsfeld von gesunden, aktiven älteren Menschen bis hin zu den hochaltrigen, pflegbedürftigen, psychisch kranken Heimbewohnern. Die Aufgabe der Sozialen Arbeit ist es Ressourcen und Potenziale zu wecken, zu fördern, zu erhalten. Ressourcen und Potenziale des Alters zu fördern, kann nur gelingen, wenn neben fachlichen Kompetenzen auch kreative Potenziale im Umgang mit dem differentiellen Altern zur Verfügung stehen.

 

 

Das Kompetenzzentrum „Kompetenz im Alter zwischen Routine und Neubeginn" hat von Anbeginn seiner Gründung in seinen bisherigen Forschungsleistungen ressourcenorientierte Alternsforschung umgesetzt und sich an den seniorenpolitischen Leitlinien einer Gesellschaft des langen Lebens orientiert.


Diese Leitlinien beziehen sich auf:

 

  • die gemeinsame Gestaltung einer aktiven Gesellschaft des langen Lebens
    Handlungsfeld 1: Bürgerschaftliches Engagement

 

  • das Miteinander im Dialog
    Handlungsfeld 2: Gemeinwesenorientierte Seniorenarbeit

 

  • realistische Vorstellungen über das Altern
    Handlungsfeld 3: Altersdiskriminierung

 

  • die Förderung von Selbstbestimmung und Mitgestaltung
    Handlungsfeld 4: Wirtschaft und Wohnen

 

  • die Förderung von Selbstständigkeit und Lebensqualität
    Handlungsfeld 5: Wohnumfeld, Wohn- und Betreuungskonzepte
    (Lebenslagenberatung, Qualität der Pflege, Teilhabe pflegebedürftiger und pflegender Angehöriger)

 

  • Bildung und lebenslanges Lernen
    Handlungsfeld 6: Bildung und Kultur im Alter von und für ältere Menschen

 

  • Soziale Ausgewogenheit
    Handlungsfeld 7: Seniorenpolitische Arbeit

 

  • Geschlechtergerechtigkeit
    Handlungsfeld 8: Analyse von Programmen und Maßnahmen

 

 

Diese Handlungsfelder beziehen sich auf die folgenden Zielmärkte:

 

  • Bildung und lebenslanges Lernen
  • Ehrenamt, Freiwilligenarbeit, Bürgerschaftliches Engagement
  • Gemeinwesenorientierte Seniorenarbeit
  • Wohn-, Beratungs- und Betreuungskonzepte
  • Seniorenwirtschaft
  • Seniorenpolitik
  • Maßnahmen gegen Altersdiskriminierung
  • Geschlechtergerechtigkeit (Das Alter ist weiblich)