Trial studieren – eine Herausforderung

„Das triale Studium ist eine große Herausforderung. Ohne einen verständnisvollen Chef und viel Rückhalt aus der Familie würde ich das nicht schaffen", ist so ziemlich das Erste was Kristy Kohlgraf über ihr Studium an der Hochschule sagt. Bei dieser noch recht neuen Studienform erwerben Studierenden in fünf Jahren drei Abschlüsse in nur einem Studiengang, den Gesellen, Meister und Bachelor. Kristy Kohlgraf ist im zweiten Semester und ist, trotz viel organisatorischem Aufwand und wenig Freizeit, weiterhin sehr überzeugt von ihrer Entscheidung trial zu studieren. Um als trialer Student erfolgreich zu sein, müssen die Studierenden ihren Tag gut strukturieren und sind viel unterwegs. Denn im ersten Jahr steht neben drei praktischen Tagen im Ausbildungsbetrieb, ein zweitägiger Aufenthalt im Berufskolleg und ein Tag in der Hochschule auf dem Plan. Nach dem fünften Semester legen die Studierenden ihre Gesellenprüfung in ihrem Gewerk vor der Handwerkskammer ab. Während des achten und neunten Semesters besuchen die Studierenden dann die Meisterschule und weiterhin die Hochschule. Im letzten Semester befinden sich die Studierenden erneut vier praktische Tage im Handwerksbetrieb und zwei Tage an der Hochschule, bevor sie anschließend ihre Meisterprüfung ablegen und den Bachelorabschluss erlangen.

Kristy Kohlgraf hat vor Beginn des Studiums ein halbes Jahr die Friseurakademie besucht, daher muss sie nicht mehr zum Berufskolleg. Durch ihr schon umfangreiches Wissen, arbeitet sie bereits voll im Geschäft mit, hat jeden Tag Termine mit Kunden. Zudem hat sie freitagabends und samstags ganztägig Vorlesung an der Hochschule. „Zusätzlich habe ich jeden Tag von neun bis zehn Uhr Zeit zu lernen. Das triale Studium funktioniert nur, wenn der Chef einen unterstützt und solche Freiräume gibt", erklärt Kohlgraf. Dies habe sie auch von vielen ihrer Kommilitoninnen und Kommilitonen gehört. Aber auch die Familie und Freunde müssen häufiger auf die 26-jährige verzichten, denn auch nachdem sie die abendliche Abrechnung im Salon gemacht hat, muss die Studentin an den Schreibtisch. „Sehr hilfreich war der Kurs Lernmethoden. Dabei wurde uns direkt zu Beginn des Studiums gezeigt, wie man effizient lernen kann. Viele der Strategien, zum Beispiel das Erstellen von Lernpostern, habe ich fest integriert", erklärt Kohlgraf.

Über Umwege an die Hochschule

Für Unternehmen bietet der triale Studiengang die Möglichkeit zur Qualifizierung und Sicherung des Fach- und Führungskräftenachwuchses im Handwerk. Die Studierenden erlernen während des Studiums handwerkliche und betriebswirtschaftliche Kenntnisse gleichermaßen. „Ich arbeite im Friseurbetrieb meines Vaters. Ich bin eingestiegen mit dem Ziel, später die Leitung zu übernehmen. Daher sind betriebswirtschaftliche Kenntnisse wichtig für mich", begründen Kohlgraf ihre Entscheidung. Doch einfach nur ein BWL-Studium wäre für die 26-jährige nicht das Richtige gewesen. „Theoretisches Lernen ohne Praxisbezug fällt mir eher schwer. Ich brauche die direkte Ableitbarkeit zur Anwendung im Handwerk." Ihre Erwartungen dahingehend wurden bisher von der Hochschule erfüllt. Die Dozenten kommen häufig selbst aus dem Handwerk und bei fast jedem Thema kann die Studentin eine direkte Beziehung zu ihrem Berufsfeld ableiten. „Durch Impulse aus den Vorlesungen konnte ich schon einige Dinge im Betrieb einbringen. So habe ich zum Beispiel das Lagersystem umgestellt und effizienter gestaltet", erklärt Kohlgraf.

 

Der Weg der 26-jährigen aus Essen führte nicht direkt an die Hochschule Niederrhein. Schon während der Oberstufe wollte sie die Schule beenden und direkt eine Ausbildung im elterlichen Friseurbetrieb beginnen. „Mein Vater war davon nicht so begeistert", erinnert sich die Studentin. Er habe Angst gehabt, dass sich die Tochter zu früh auf den Friseurbetrieb festlegt. Stattdessen machte Kohlgraf eine Ausbildung zur Köchin und lebte und arbeitete für fast drei Jahre in Großbritannien. „Die Arbeit war toll, aber auch anstrengend. Ich habe mich sofort auf dem Weg zurück nach Essen gemacht, als mein Vater anrief und fragte, ob ich in den Friseurbetrieb einsteigen wollte", erinnert sich Kohlgraf. Man sieht ihr an, dass sie mit ihrer Entscheidung noch immer zufrieden ist. Wenn sie über ihre Aufgaben im Betrieb spricht, kann man die Begeisterung spüren. Sie berät und frisiert Kunden im Hauptgeschäft, arbeitet auf betriebswirtschaftlicher Ebene mit und unterstützt im Bereich Zweithaar. „Wir erstellen handgefertigte Perücken und Haarteile. Wir können Kunden Selbstsicherheit und Lebensqualität zurückgeben. Das bereitet mir viel Freude", beschreibt sie.

Ein typischer Tagesablauf

8.30 Uhr: Kristy Kohlgraf auf dem Weg zum Friseursalon, vorbei an der Kreuzkirche in Essen. „Ich habe zum Glück einen sehr kurzen Arbeitsweg. Ich benötige fünf Minuten zu Fuß." Zur Vorlesung in der Hochschule dauert es dann schon etwas länger, anderthalb Stunden ist sie mit der Bahn unterwegs.


9.00 Uhr: „Morgens habe ich eine Stunde Zeit zu lernen. Dafür kann ich in die ruhigen Räume über dem Salon gehen. Auch viele meiner Kommilitoninnen und Kommilitonen bekommen solche Lernzeiten von ihren Vorgesetzten eingeräumt", erklärt Kohlgraf. Bei Kristy Kohlgraf ist der Chef auch gleichzeitig der Vater. Er hat, da Kohlgraf später den Betrieb übernehmen soll, natürlich ein besonderes Interesse an der guten Ausbildung der Tochter. Viele Mitstudierende von Kohlgraf sind in Familienbetrieben angestellt, in denen sie Führungspositionen einnehmen sollen.


10.00 Uhr: Der Terminkalender von Kristy Kohlgraf ist immer gut gefüllt. „Ich berate gerne Kunden. Ein passender Schnitt und Farben, die zum Hauttyp passen, können einen Menschen komplett transformieren. Wenn Kunden experimentierfreudig sind, dann freut es mich immer besonders. Dann kann ich meiner Kreativität freien Lauf lassen."


13.00 Uhr: Auch im Bereich der Zweithaaranpassung arbeitet Kohlgraf mit. „Wir haben viele Kunden, die unter dem Haarausfall nach einer Chemotherapie leiden, manchmal Kinder. Aber auch Menschen, die sich einfach volleres und dichteres Haar am Ansatz wünschen kommen zu uns."


18.30 Uhr „Abends lerne ich auch nochmal. Meine Wohnung ist immer voller Lernposter. Damit kann ich mich sehr gut an den Stoff erinnern. Vor Klausuren stehe ich oft früher auf und laufe nochmal durch alle Räume und sage mir die Inhalte laut auf", erklärt die 26-jährige. Gelernt hat sie diese Strategie direkt zu Beginn des Studiums. Vor Klausuren nimmt sie sich aber auch mal eine Tag frei.