„Jeden Tag saß ich neben ihm, aber an einem Tag war er einfach nicht mehr da. Er ist nie wieder in den Unterricht gekommen.“ Oberbürgermeister Frank Meyer hat anlässlich des Holocaust-Gedenktages in der Hochschule Niederrhein an das Schicksal von in der NS-Zeit getöteten Jüdinnen und Juden erinnert und in seiner Rede unter anderem aus der Perspektive von Zeitzeugen berichtet. Damit leitete der Oberbürgermeister eine bewegende Feier ein, die von vielfältigen Beiträgen aus der Hochschule und ergreifenden Redebeiträgen unterschiedlicher Akteure geprägt war. Zum ersten Mal fand die Feier zum „Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust“ – alljährlich am 27. Januar anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz im Jahr 1945 – nicht an einer Krefelder Schule, sondern an der Hochschule Niederrhein am Frankenring in Krefeld statt. Sie stand in diesem Jahr unter dem Leitsatz „Jeder ist ein Mensch. Jeder ist jemand“ von Michel Friedmann.
An die Studierenden gerichtet, sagte Frank Meyer: „Sie haben eine große gesellschaftliche Kraft. Sie sind die Macher von Morgen. Mit Ihren Entscheidungen und Ihrem Engagement gestalten Sie die Zukunft. Sie tragen aber auch eine besondere, gesellschaftliche Verantwortung. Dass wir heute hier an der Hochschule sind, ist auch deswegen ein wichtiges Zeichen.“ Zwischen den Reden stellten Studierende der Hochschule Niederrhein Beiträge vor, die sie erarbeitet hatten. Die unterschiedlichen Fachbereiche zeigten eindrucksvoll, wie sie die Gedenkarbeit in ihren Fächern berücksichtigen und umsetzen. Tabea Pollen, Jana Zaitz und Markus Gansel stellten zum Beispiel Arbeiten zum Buch „Mein himmelblaues Akkordeon“ vor, das die Lebensgeschichte des Krefelder Auschwitz-Überlebenden Werner Heymann erzählt. Während Tabea Pollen aus der Biografie vorlas, wurden im Großformat Linolschnitte von Jana Zaitz gezeigt. Anschließend lief im Großformat ein beeindruckender Animationsfilm von Markus Gansel ab, der mit der Stimme des Krefelder Schauspielers Matthias Oelrich unterlegt war.
In einem anderen Beitrag erzählten Studierenden von einer Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz und wie die Eindrücke, die sie hier erlebten, sie nachhaltig prägten. Seit 2012 organisiert Matthias Hakes vom Katholischen Hochschulzentrum Lakum die Fahrten. Wie Erinnerungsarbeit in die pädagogische Profession einfließt, zeigte Studierende Ramona Theis. Sie stellte Seminararbeiten aus dem Bereich Kulturpädagogik und Sozialer Arbeit vor und griff zum Beispiel das in der NS-Terminologie als „Euthanasie“ bezeichnete Töten von Menschen mit Behinderung oder die Ausgrenzung von Minderheiten auf. Begleitet wurde sie von Hochschul-Professor Andris Breitling, der Ethik, Sozialphilosophie und Kulturtheorie unterrichtet, und durch die Veranstaltung führte. „Menschenwürde ist kein abstraktes Bild, sondern Grundlage der Demokratie“, begründete er sein besonderes Engagement für die Erinnerungskultur. „‘Wehret den Anfängen‘ darf nicht nur eine Überschrift im Lehrbuch sein.“
Auch Hochschulpräsidentin Susanne Meyer griff die Verpflichtung von Bildungseinrichtungen auf, die Grundwerte der Demokratie nachhaltig zu vermitteln. Sie erzählte die Geschichte von Rudolph S. Jacobs. Der jüdische Junge war Schüler der Krefelder Webeschule, einer Vorgängereinrichtung der heutigen Hochschule. Ihm gelang es, über Holland nach Amerika zu fliehen, verbrachte auf der Flucht aber Wochen in Isolationshaft und verlor seine Eltern – sie wurden im Konzentrationslager ermordet. Sichtlich bewegt las die Hochschulpräsidentin aus einem Brief, den Rudolph Jacobs in den 1980er-Jahren an die Krefelder Schülerin Jasmin schrieb. Jacobs erzählte ihr, wie er vor Angst erstarrte, als ein neuer Lehrer in schwarzer SS-Uniform das Klassenzimmer betrat. Er entpuppte sich trotz der Uniform als fairer Ausbilder und Jacobs versicherte Jasmin: „Ich glaube an das grundlegend Gute im Menschen“. Für Meyer „ein Moment, in dem Bildung die Barbarei kurz aufhielt“.
Samuel Naydych als Vertreter der Jüdischen Gemeinde in Krefeld stellte in seiner Rede Zusammenhänge zur weltpolitischen Lage in der Gegenwart her. Sein Land Deutschland lobte er für den Umgang mit der NS-Vergangenheit: Wir Deutschen müssten kein ewiges Schuldgefühl haben, sondern könnten stolz darauf sein, wie wir Verantwortung übernehmen. Dieser Verantwortung sollten wir uns weiter stellen.
Als Leiterin der NS-Dokumentationsstelle der Stadt Krefeld, Villa Merländer, griff Historikerin Sandra Franz die Rolle von Hochschulen in der NS-Zeit auf. „Die Universitäten haben keine ernsthaften Versuche unternommen, den Eingriffen des NS-Regimes entgegenzutreten. Im Gegenteil: Zahlreiche Hochschullehrende haben sich in den folgenden Jahren erheblich mitschuldig gemacht“, erklärte sie und schilderte, wie Studierende in der NS-Zeit regelrechte Hetzjagden unternommen hätten. Dem stellte sie das Engagement der Studierenden in der heutigen Zeit entgegen: „Ich persönlich setze meine Hoffnung auf die nachfolgende Generation, die kritisch denkt, die ergebnisoffen analysiert und hoffentlich aus den Fehlern der Vergangenheit lernt. Eine große Aufgabe – aber ich glaube, sie liegt in guten Händen.“
Begleitet wurde die Gedenkfeier von Erik Schmid als Dekan des Fachbereichs Design, der am Flügel Stücke von Scarlatti spielte und damit der zweieinhalbstündigen Veranstaltung den musikalischen Rahmen verlieh.


















