Wissenschaftliche Artikel lesen, Formeln umstellen oder gelerntes Wissen auf neue Situationen anwenden: Für Lehrende ist all das selbstverständlich. Studierende hingegen haben diesen Status noch nicht erreicht. Aufgaben, die Lehrende mühelos lösen, können für Studierende überraschend schwierig sein – selbst wenn Stoff gehört, Beispiele gesehen und Übungen bearbeitet wurden. Natürlich unterstützen Lehrende ihre Studierenden durch Vorlesungen, Erläuterungen, Beispiele und unterschiedliche Lehrmethoden. Dennoch ist dies kein Garant dafür, dass der Stoff verstanden wird und bestimmte Inhalte oder Anforderungen bereiten wiederholt Probleme. Manch eine Lehrperson fragt sich dann, ob Studierende sich nicht genügend mit dem Thema beschäftigen. Das mag auf einzelne Fälle zutreffen, häufiger liegt die Ursache jedoch anders: Lehrende unterliegen dem sogenannten Fluch des Wissens.
Um ein Fach zu lehren, benötigen sie umfassende Expertise, die über Jahre aufgebaut und zunehmend verinnerlicht wird. Denk- und Handlungsprozesse laufen oft automatisch ab: Informationen werden gewichtet, Lösungswege eingeschlagen, Ergebnisse überprüft, ohne dass jeder Schritt bewusst reflektiert wird. Auch komplexe Aufgaben lassen sich so scheinbar mühelos bearbeiten. Genau darin liegt der „Fluch“: Automatisierte Denkprozesse machen es zunehmend schwer, sich in den Denkstand von Studierenden hineinzuversetzen. Viele Zwischenschritte, die für Lernende zentral sind, bleiben unausgesprochen, weil sie für Expert:innen selbstverständlich geworden sind. Ein Vergleich: Wer lesen kann, denkt nicht mehr darüber nach, wie Buchstaben zu Wörtern werden – der Prozess läuft automatisch, lässt sich aber nur schwer beschreiben.
Diese Unsichtbarkeit fachlichen Denkens zeigt sich besonders bei Studienanforderungen wie dem Analysieren einer Aufgabe, dem Lesen wissenschaftlicher Texte oder dem Einschätzen der Plausibilität von Ergebnissen. Studierende sehen zunächst die Aufgabe oder den Text. Lehrende hingegen erkennen Struktur, Relevanzen, typische Fehlerquellen und mögliche Lösungsstrategien. Der entscheidende Lernschritt liegt oft nicht im Inhalt selbst, sondern im fachlichen Denken zwischen Aufgabe und Lösung, sowie der Abfolge der Lösungsschritte.
Vielleicht haben Sie es auch schon erlebt, dass Sie ein bestimmtes Konzept über mehrere Semester hinweg immer wieder erklären, neue Beispiele finden oder Methoden variieren – und dennoch bleiben viele Studierende an derselben Stelle hängen. Dann haben Sie eine fachliche Lernhürde identifiziert.
Hier setzt der Ansatz Decoding the Disciplines an. Ziel ist es, genau solche Lernhürden in den Blick zu nehmen und zu verstehen, welche Denkprozesse Lehrende bei der Bearbeitung einer Aufgabe vollziehen. Ausgangspunkt ist immer das Fach. Im Zentrum steht die Frage, was Expert:innen gedanklich tun, wenn sie eine Aufgabe lösen, ein Argument beurteilen oder ein Ergebnis prüfen – und welche Schritte dabei oft unausgesprochen bleiben. Um diese automatisierten Denkprozesse zu erschließen, gibt es verschiedene Zugänge, zwei werden im Folgenden kurz vorgestellt: Das Decoding-Interview fragt Lehrende gezielt zu einer konkreten Lernhürde. Eine fachfremde Person stellt strukturierte Nachfragen, um Schritt für Schritt sichtbar zu machen, welche Entscheidungen getroffen werden, welche Kriterien gelten und wo implizites Wissen vorausgesetzt wird. Alternativ kann ein strukturierter Schreibprozess genutzt werden: Lehrende reflektieren zunächst eigenständig ihr Vorgehen bei einer Aufgabe, tauschen sich anschließend kollegial aus und schreiben die Beobachtungen erneut auf. Beide Formate machen implizite Denkbewegungen sichtbar, liefern aber keine didaktischen Rezepte.
Decoding bietet so einen fachnahen Blick auf Lehre und lädt dazu ein, den eigenen Fluch des Wissens ernst zu nehmen: Was tue ich als Expert:in, und was davon setze ich stillschweigend voraus? Um Lehrende bei diesem Prozess zu unterstützen, bieten wir in der Hochschuldidaktik sowohl Decoding-Interviews als auch begleitete Schreibprozesse an. Beide Formate richten sich an Lehrende, die eine konkrete Lernhürde aus ihrer eigenen Lehre genauer untersuchen möchten.
Sie möchten den Fluch des Wissens überwinden?
Dann melden Sie sich mit Ihrer Lernhürde zum Le/Ni Frühjahr Workshop 14) Wo Studierende steckenbleiben an (weitere Informationen: https://intern.hs-niederrhein.de/hochschul-und-mediendidaktik/lehrkompetenz-weiter-entwickeln/#c25680 ). Wenn Sie Interesse an einem Interview haben, melden Sie sich gerne mit Ihrer Lernhürde bei Frau Magda Zarebski und Frau Helen Schneider (magda.zarebski(at)hsnr.de; helen.schneider@hsnr.de) für eine unverbindliche Vorbesprechung.
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