Für die Hochschule Niederrhein (HSNR) erhält diese Frage im Rahmen der Gestaltung des Hochschulentwicklungsplans (HEP) 2027–2031 besondere Bedeutung. Die bisher erarbeiteten Planungsgrundsätze verstehen die Weiterentwicklung der Hochschule als Gemeinschaftsaufgabe und ordnen sie den vier Zieldimensionen Profilierung, Modernisierung, Resilienz und Agilität zu. Aus diesen sollen konkrete Ziele und Maßnahmen für die verschiedenen Leistungs- und Organisationsbereiche der Hochschule entwickelt werden. Die HSNR versteht sich als Hochschule, die Verantwortung für ein funktionierendes demokratisches Gemeinwesen übernimmt und freien, respektvollen und evidenzbasierten Diskurs fördert. Angesichts politischer Instabilität bekennt sie sich ausdrücklich zu den Prinzipien von Demokratie, Wissenschaftsfreiheit und Solidarität, zur Förderung pluralistischer Diskurse sowie zu starken demokratischen Entscheidungsprozessen.
Damit ist ein strategischer und normativer Rahmen formuliert. Noch weiter zu konkretisieren ist jedoch, wie diese Ansprüche im Hochschulalltag in umsetzbare Maßnahmen übersetzt werden können. Was bedeutet Demokratie für die Gestaltung einer Lehrveranstaltung, für die Arbeit in Gremien, für die Kommunikation zwischen Statusgruppen oder für die Nutzung von Campus- und Begegnungsräumen? Welche Demokratiekompetenzen benötigen Studierende, Lehrende und Beschäftigte? Welche institutionellen Bedingungen ermöglichen Beteiligung, Widerspruch und Selbstwirksamkeit? Und wie kann eine Hochschule ihre demokratische Kultur auch unter gesellschaftlichen und politischen Bedingungen bewahren, die durch Polarisierung oder autoritäre Entwicklungen geprägt sind?
Um diesen Fragen einen Rahmen zu bieten haben Johannes Hiebl aus dem Arbeitsbereich Hochschuldidaktik und Prof. Dr. Alexander Rachmann aus dem Fachbereich Wirtschaftsingenieurwesen am 5. August 2026 am Campus Mönchengladbach eine HEP-Werkstatt unter dem Titel „Demokratiekompetenzen an der HSNR: Lehre, Kultur, Umsetzung“ organisiert. Die Werkstatt richtete sich ausdrücklich an Angehörige aller Bereiche und Statusgruppen der Hochschule, um gemeinsam erste konkrete und umsetzbare Maßnahmen zur Stärkung von Demokratiekompetenzen an der Hochschule Niederrhein zu entwickeln. Das „Innovatorium“ im Blauhaus war an diesem Tag sehr gut besucht unter den 22 Teilnehmenden befanden sich nicht nur Lehrenden, insbesondere aus dem Fachbereich Sozialwesen, sondern auch einige Studierenden, sowie der Vizepräsident für Studium und Lehre, Prof. Dr. Michael Heber, die gemeinsam mit Leidenschaft und Engagement diskutierten.
Einen demokratietheoretischen Ausgangspunkt für die oben skizzierten Fragen bildete der Impulsvortrag von Prof. Dr. Waltraud Meints-Stender: Demokratie muss institutionell verankert, durch Bildung vermittelt und in alltäglichen Praktiken gelebt werden. Nach dem deliberativen Demokratiemodell von Jürgen Habermas ist demokratische Willensbildung nicht auf Mehrheitsentscheidungen reduziert, sondern stellt Verständigung, Argumentation und den Austausch unterschiedlicher Perspektiven in den Mittelpunkt. Vor diesem Hintergrund verfolgte die Werkstatt das Ziel, die strategischen Planungsgrundsätze und die demokratietheoretischen Überlegungen in konkrete Handlungsfelder für die Hochschule Niederrhein zu übersetzen. Im Mittelpunkt standen die Fragen, (1) wo Demokratie sichtbar und erfahrbar werden soll, (2) welche Kompetenzen dafür erforderlich sind und (3) welche Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen. Dieser Blogbeitrag bietet einen kurzen Einblick in die Ergebnisse der Veranstaltung.
1. Wo genau soll Demokratie an der Hochschule Niederrhein sichtbar werden?
Die Teilnehmenden haben diskutiert, dass Demokratie an der Hochschule nicht nur in einzelnen Veranstaltungen oder Gremien, sondern in Lehre, Hochschulkultur, Entscheidungsprozessen und im Verhältnis der Hochschule zur Gesellschaft sichtbar und erfahrbar werden soll.
In Studium und Lehre sollte Demokratie als Querschnittsthema verankert werden. Demokratiekompetenzen könnten als überfachliche Kompetenzen in Curricula und Modulhandbüchern aufgenommen werden. Lehrveranstaltungen selbst können zu demokratischen Lernorten werden, etwa durch deliberative Diskussionsformate, in denen Verständigung, Argumentation und der Austausch unterschiedlicher Perspektiven im Mittelpunkt steht. Eine Aufgabe, der sich Lehrende und Studierende gleichermaßen stellen müssten. Auf dem Campus sollte Demokratie durch Orte der Begegnung und Selbstorganisation erfahrbar werden. An der HSNR gibt es durchaus schon Räume wie den AStA Kiosk in Mönchengladbach und den Makerspace in Krefeld, die als informelle Gesprächs-, Begegnungsräume und Gestaltungsräume demokratisch verfasste Projekte ermöglichen und Selbstwirksamkeit diskursiv über alle Statusgruppen hinweg erfahrbar machen.
In den Strukturen und Entscheidungsprozessen der Hochschule sollte Demokratie dort sichtbar werden, wo Beteiligung tatsächlich stattfindet. Entscheidend ist dabei nicht allein das Vorhandensein demokratischer Verfahren, sondern ihre tatsächliche Praxis. Demokratisch gewählte Gremien, Statusgruppenbeteiligung und geregelte Entscheidungsverfahren führen nicht automatisch zu einer demokratischen Kultur wie Waltraud Meints-Stender in ihrem Vortag betonte. In der Hochschulkultur soll Demokratie durch eine Kultur konstruktiver Kritik, Offenheit für Widerspruch, respektvollen Diskurs und einen Umgang auf Augenhöhe erkennbar werden.
Nach außen sollte die Hochschule ihre demokratische Verantwortung sichtbar machen. Diskutiert wurden Formate wie Ringvorlesungen, die Einbindung gesellschaftlicher Akteur:innen, sowie eine stärkere Vernetzung mit zivilgesellschaftlichen Initiativen und den Städten Mönchengladbach und Krefeld. Auch die Frage, wann die Hochschule zu gesellschaftlich relevanten Ereignissen öffentlich Stellung beziehen sollte, wurde als weiteres Handlungsfeld benannt.
2. Welche Kompetenzen gehören zu Demokratiebildung und einer demokratischen Hochschule?
Die Diskussion der Teilnehmenden hat deutlich gemacht, dass Demokratiekompetenz sowohl Wissen und Urteilsfähigkeit als auch kommunikative Fähigkeiten, persönliche Handlungsfähigkeit und demokratische Haltungen umfasst. Waltraud Meints-Stender hat in ihrem Vortrag vor allem folgende Kompetenzen betont: Wissenschaftliche Deliberationsfähigkeit, Argumentationsfähigkeit, Kritik- und Selbstkritikfähigkeit, Perspektivenwechsel und Empathie, Demokratische Urteilskraft, Zuhören und Anerkennung von Differenz.
In der folgenden Diskussion der Teilnehmenden wurden vor allem hervorgehoben, dass demokratische Kultur nicht nur erfordert, Kritik äußern zu können, sondern auch, eigene Positionen und Vorannahmen infrage zu stellen und daran anknüpfend Perspektivenwechsel und Empathie, die Fähigkeit zum Zuhören sowie die Anerkennung von Differenz von herausragender Bedeutung sind im Zusammenleben an einer Hochschule. Gerade in einer vielfältigen Hochschule müssen unterschiedliche kulturelle, soziale, religiöse und politische Erfahrungen miteinander ausgehandelt werden können, ohne Differenzen zu leugnen oder Menschen stereotyp bestimmten Positionen zuzuordnen. Diese Kompetenzen sollten in den oben skizzierten Handlungsfeldern Studium und Lehre, Strukturen und Entscheidungsprozessen sowie der Kommunikation der Hochschule Ausdruck finden.
In der Werkstatt wurden weitere Aspekte betont, die unter der ersten Frage schon angeklungen sind: Selbstwirksamkeit und Resonanz sind wesentlich damit Menschen erfahren können, dass ihre Beteiligung wahrgenommen wird und Auswirkungen haben kann. Mut und Durchsetzungsfähigkeit sind notwendig, um beispielsweise in einer Senatssitzung, einer Kommission oder einer Lehrveranstaltung tatsächlich die eigene Stimme zu erheben. Widerstandsfähigkeit gehört ebenfalls dazu. Demokratisches Handeln bedeutet, Dissens und Konflikte auszuhalten und auch dann handlungsfähig zu bleiben, wenn die eigene Position nicht unmittelbar Zustimmung erhält.
3. Welche Rahmenbedingungen sind erforderlich, damit Demokratie an der Hochschule gelehrt, erfahren und gelebt werden kann?
Hier diskutierten die Teilnehmenden, dass Demokratiekompetenzen nicht allein durch individuelle Bildungsangebote entstehen können. Demokratisches Handeln benötigt geeignete institutionelle, soziale, räumliche und materielle Bedingungen. Grundlegende Voraussetzungen sind (institutionelle) Räume und Zeit für Beteiligung als Rahmenbedingungen.
Demokratie kostet Zeit. In ihrem Impulsvortag hat Waltraud Meints-Stender auf strukturelle Belastungen der verschiedenen Statusgruppen verwiesen, etwa Zeitdruck und Befristungen bei Lehrenden, Erwerbsarbeit und Prekarität bei Studierenden sowie Ressourcen- und Finanzierungsdruck auf Leitungsebene, außerdem allgemeine Umstände von Care-Arbeit und unterschiedlichen soziale Lebenslagen. Demokratische Beteiligung muss deshalb auch als Ressourcenfrage verstanden werden.
(Institutionelle) Räume müssen angstfrei sein und eine Kultur konstruktiver Kritik fördern. Hochschulangehörige müssen Kritik und Widerspruch äußern können, ohne unangemessene persönliche Konsequenzen befürchten zu müssen. Damit verbunden sind funktionierende Kommunikations- und Beschwerdestrukturen. Unabhängige Beschwerdemöglichkeiten können demokratische Rechte schützen. Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, dass solche Strukturen selbst gegen missbräuchliche Nutzung abgesichert werden müssen. Ferner müssen institutionelle Rahmen Widerspruch zulassen. Demokratische Gremien verlieren ihre Funktion, wenn Entscheidungen bereits vor den offiziellen Beratungen informell festgelegt wurden und dadurch Beteiligung nur noch formal stattfindet. Demokratie braucht Transparenz.
Eine weitere Rahmenbedingung bildet die technische Infrastruktur. Digitale Systeme können Beteiligung vereinfachen und Informationen zugänglich machen, zugleich aber Zugänge einschränken oder Informations- und Machtasymmetrien verstärken. Deshalb sollte bei technischen Systemen auch danach gefragt werden, welche Auswirkungen sie auf Transparenz, Kommunikation und Partizipation haben.
Ausblick
Dieser Beitrag stellt lediglich einen groben Überblick zentraler Ergebnisse der HEP-Werkstatt dar. Die Teilnehmenden haben leidenschaftlich und mit spürbarer Hingabe für die Belange der Hochschule Niederrhein diskutiert. Schon jetzt steht fest, dass auch über die Gestaltung des Hochschulentwicklungsplans hinaus die Teilnehmenden an dem Thema Demokratiekompetenzen an der HSNR arbeiten und sich weiter Vernetzen werden. Im Team der Hochschuldidaktik werden bereits weitere Austauschformate entwickelt. Schließlich bleibt noch zusagen, was Michael Heber zum Abschluss der Werkstatt betonte: Eine demokratische Hochschule braucht institutionelle Resilienz. Angesichts möglicher autoritärer gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen sollte geklärt werden, wie Wissenschaftsfreiheit, demokratische Gremien, pluralistischer Diskurs und Hochschulautonomie geschützt werden können. In diesem Sinne geht es nicht nur um Demokratiekompetenzen, sondern das Stärken der Demokratie allgemein an der und durch die Hochschule Niederrhein.
Autor
Johannes Hiebl ist im Projekt „Dein Weg – Lernhindernisse überwinden“ an der Hochschule Niederrhein als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig. Er arbeitet an der Curriculumentwicklung und begleitet die Umsetzung sowie Evaluation der neuen Lehrarchitektur.
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