Was sind fachliche Lernhürden?
Vielleicht haben Sie es auch schon erlebt, dass Sie ein bestimmtes Konzept über mehrere Semester hinweg immer wieder erklären, neue Beispiele finden oder Methoden variieren – und dennoch bleiben viele Studierende an derselben Stelle hängen. Dann haben Sie eine fachliche Lernhürde identifiziert. Mehr dazu in unseren Blogartikel Das ist doch klar! – oder? Wie unsichtbare Lernhürden das fachliche Lernen erschweren.
Wie können Lernhürden überwunden werden?
Spannend ist, dass Expert:innen (Lehrende) meist unterbewusste Schritte vornehmen, die für Neulinge (wie z.B. Studierende) nicht leicht ersichtlich sind. Genau dort setzen wir an: An der HSNR nutzen wir dafür seit 2026 Decoding-Interviews1, in denen wir Lehrende bei der Entschlüsselung ihres Expert:innenwissens begleiten. Für diesen Artikel haben wir drei Lehrende der HSNR befragt, wie Sie den Prozess wahrgenommen haben und wie Sie die Erkenntnisse in ihre Lehre integrieren konnten.
Die Lehrenden
Die Interviewmethode eignet sich für Lehrende aller Fachbereiche und kann auf die unterschiedlichsten Lernhürden angewendet werden; für diesen Artikel haben wir befragt:
- A) Lehrperson 1: Sie lehrt im Bereich der frühkindlichen Entwicklung & Bildung. Dabei geht es vor allem darum, Entwicklungsprozesse von Kleinkindern zu verstehen, professionell zu beobachten und daraus pädagogisches Handeln abzuleiten.
- B) Prof. Dr. Dr. Jan Cwik (FB Gesundheitswesen): Er lehrt im Fach Psychologie, unter anderem in den Bereichen deskriptive Statistik, Inferenzstatistik, Differentielle Psychologie, Psychologische Diagnostik und Klinische Psychologie.
- C) Prof. Dr. Karl Steeger (FB Ingenieurwissenschaften und Informatik): Er lehrt Technische Mechanik im Bereich der Ingenieurwissenschaften.
Konkrete Lernhürden: Was wurde als schwierig identifiziert?
Die identifizierten Lernhürden sind jeweils zentral für das eigene Fach, wenn auch auf unterschiedlichen Ebenen. Es wird deutlich, dass das Überwinden der Lernhürden für die Studierenden essentiell ist, um im entsprechenden Fach weiterzukommen. Meist gibt es mehrere Lernhürden, man sollte aber mit einem konkreten Beispiel starten, um einen guten Ansatzpunkt zu haben. Wir haben uns auf folgende Lernhürden konzentriert:
- A) Der Transfer von theoretischem Wissen in konkrete pädagogische Situationen. Die Studierenden kennen Konzepte, haben aber Schwierigkeiten zu erkennen, welche Beobachtungen entwicklungsrelevant sind und wie daraus Förderimpulse entstehen.
- B) Verschiedene komplexe Sachverhalte, die in kurzer Zeit erlernt werden müssen. Im Interview ging es speziell um das Durchführen von Intelligenztests, wo Erfahrungswissen eine große Rolle spielt und viele Einzelschritte sicher sitzen müssen.
- C) Die Kernkompetenz des „Freischneidens“ von Kräften. Tritt im Modul Mechanik 1 auf und ist eine Voraussetzung für alle folgenden Themengebiete und auch aufbauenden Module.
Aha-Momente: Was im Interview klar wurde
Nicht jedes Interview endet mit einer bahnbrechenden Erkenntnis, das ist aber auch überhaupt nicht nötig. Die interviewten Lehrenden berichten, dass für sie deutlich geworden ist, dass Studierende teilweise mit fertigem Wissen oder fertigen Anwendungen konfrontiert werden und die unklare Orientierung, v.a. hinsichtlich darauf welche Denkprozesse erwartet werden eine Rolle spielen. Auch die große Tragweite der Lernhürde und eine tiefere Auseinandersetzung mit der Problematik spielten eine Rolle. In allen Interviews konnte der automatisierte Denkprozess auf kleinere Schritte heruntergebrochen werden, wichtige Teilschritte wurden identifiziert oder ihre Wichtigkeit wurde deutlich.
Und nun? Die nächsten Schritte
Das Entschlüsseln einer Lernhürde bedeutet nicht, dass man direkt die gesamte Lehrveranstaltung umstellt. Vielmehr macht es deutlich, bei welchen Aspekten es sich lohnt genauer hinzugucken und diese anders anzugehen. Änderungen können auch nach und nach integriert werden. Folgende Ansätze verfolgen die Interviewten nun unter anderem für „ihre“ Lernhürde:
- Komplexe Aufgaben in einzelne Schritte zerlegen (A)
- Vermehrte Nutzung von Fallbeispielen und „lautes Denken“, um die fachliche Analyse sichtbar zu machen (A)
- Lern- und Erfahrungswege offenlegen, um die Einordnung und Nachvollziehbarkeit zu erhöhen (B)
- Einbindung in ein Lehrforschungsprojekt (mit SoTL) (C)
- Vermehrte – angeleitete und selbstständige – Übungen (C)
Das eigene Wissen entschlüsseln: vielleicht auch etwas für Sie?
Die interviewten Lehrenden empfehlen: ja! Es lohnt sich, wenn fachfremde Personen mit auf das eigene Themenfeld gucken und so noch einmal eine andere Perspektive mit reinbringen. Es hilft die eigenen fachlichen Selbstverständlichkeiten bewusster wahrzunehmen und konkrete Denkprozesse in den Blick zu nehmen. Als weitere Tipps geben sie noch mit auf den Weg offen in das Gespräch reinzugehen und im Nachgang bei der Umsetzung daran zu denken, dass es sich lohnen kann, didaktisch nochmal einen Schritt zurückzugehen, um den Studierenden den Weg zum Verständnis besser zugänglich zu machen.
Sie haben eine Lernhürde identifiziert und möchten diese mit unserer Unterstützung auflösen? Dann buchen Sie gerne jetzt einen Termin dafür. Sollte kein passender Zeitraum für Sie dabei sein, melden Sie sich gerne bei Frau Magda Zarebski und Frau Helen Schneider.
Das Entschlüsseln einer Lernhürde ist auch ein optimaler Ausgangspunkt für ein Lehrforschungsprojekt. Für das WS 2026/27 vergeben wir hierfür erneut eine Förderung, die Einreichung beginnt im Juni; alle Informationen dazu finden Sie auf unserer Internetseite.
Quellen
1: Peter Riegler (2019) Das Decoding-Interview – ein exemplarischer Einblick in DiNa 11/2019 Decoding the Disciplines https://bayziel.de/wp-content/uploads/DiNa_2019-11.pdf
Autor:in
Helen Schneider begleitet im Projektteam SoTL:HN Lehrende dabei, Lehrforschung (SoTL) in der eigenen Lehre zu verankern und berät Lehrende bei der Planung und Durchführung ihrer Lehrforschungsprojekte.
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