Studierende sehen sehr genau, was in ihrem Studiengang gut funktioniert – und wo es hakt. Das Projekt „Dein Weg – Lernhindernisse überwinden“ nutzt diese Perspektive, um an der Hochschule Niederrhein einen systematischen Perspektivwechsel in den technikwissenschaftlichen Studiengängen zu ermöglichen. Zwar gehört studierendenzentriertes Lehren für viele Lehrpersonen zur täglichen Praxis, in der Lehrarchitektur ist es jedoch oft nicht konsequent verankert. „Dein Weg“ setzt deshalb bei der Curriculumentwicklung an und macht die studierendenzentrierte Sicht zum Ausgangspunkt, um neue Lernpfade zu eröffnen.
Viele Studierende in technikwissenschaftlichen Studiengängen erleben ihren Studienweg als schwierig. Das zeigt sich unter anderem in Studienwechsel- und Abbruchquoten sowie in einem hohen Anteil von Langzeitstudierenden.[1] Eine zentrale Ursache liegt in einer tradierten Lehrarchitektur technikwissenschaftlicher Studiengänge, die Disziplinlogiken und historisch gewachsene Veranstaltungskanons in den Mittelpunkt stellen. Studierende müssen sich durch diese Kanons „hindurcharbeiten“, um in der Disziplin „anzukommen“ – häufig ohne dass der Sinnzusammenhang für sie erkennbar wird.
Diese Sinnzusammenhänge sollen in der Curriculumentwicklung technikwissenschaftlicher Studiengänge adressiert werden und vor allem vier zentrale Lernhindernisse bearbeiten: (1) die oft als schwierig und praxisfern wahrgenommene Rolle der Grundlagenfächer, (2) die unzureichende Abbildung des gesellschaftlichen Bildungsauftrags der Hochschule (praxisnah und zugleich zukunftsorientiert zu bilden), (3) die zerfaserte Struktur von Lehrveranstaltungen und Prüfungen sowie (4) die fehlende Kompetenzorientierung beim Prüfen.
Grundlagenfächer wie Mathematik und Physik liegen überwiegend in den ersten Bachelorsemestern und sollen fachsprachliche sowie theoretische Grundlagen bereitstellen. In vielen Curricula sind sie jedoch klar von den Kernfächern technikwissenschaftlicher Studiengänge wie Elektrotechnik und Maschinenbau getrennt. Dadurch wirken Inhalte häufig abstrakt. Studierende erkennen den Zusammenhang von Mathematik oder Physik mit technikwissenschaftlichen Anwendungen nicht, da konkrete Anschlussmöglichkeiten fehlen. Das erschwert das Verstehen, das Dranbleiben in den Veranstaltungen und das Bestehen von Prüfungen. Gerade technikinteressierte Studierende finden in dieser Phase oft wenig, was sie motiviert: So werden die ersten Semester nicht selten als Misserfolg erlebt – mit spürbaren Folgen für die Studienmotivation, wie bereits 1993 Edward Deci und Richard Ryan gezeigt haben.
Gleichzeitig haben die Hochschulen einen gesellschaftlichen Bildungsauftrag: Sie sollen transformative Kompetenzen fördern, die für gesellschaftliche Teilhabe und wirtschaftlichen Erfolg wesentlich sind. Der kanonische Aufbau vieler Studiengänge erschwert dies, sodass transformative Kompetenzen bislang weder inhaltlich noch didaktisch ausreichend integriert sind. Gerade in den Technikwissenschaften werden jedoch systemisches und vernetztes Denken sowie Kreativität in der Problembearbeitung erwartet.[2] Die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften formuliert 2023 pointiert: „Wir werden die Großprojekte von morgen nicht mit dem Engineering von gestern zum Erfolg bringen können.“
Die zerfaserte Organisation zeigt sich für Studierende dadurch, dass sie pro Semester viele Module parallel belegen, sie ihre Aufmerksamkeit auf zahlreiche Themen verteilen müssen und am Semesterende durch die Häufung einzelner Prüfungen überwältigt werden. Was sich, wenn die Lehrveranstaltungen inhaltlich nicht ausreichend verzahnt sind, nochmals zuspitzt. Aus prüfungsdidaktischer Sicht fehlen dadurch klare, systematische Zusammenhänge zwischen Lehren, Lernen und Prüfen.
Hinzu kommt, dass technikwissenschaftliche Studiengänge oft darauf zielen, reale Systeme mit formalen Modellen zu beschreiben und zu analysieren. Klassische Klausuren prüfen jedoch häufig vor allem die Reproduktion von Wissen und Verfahren an künstlich vereinfachten Beispielen. Kompetenzorientierte Prüfungen, die Transfer und Urteilskraft erfassen, sind dagegen diagnostisch und didaktisch anspruchsvoll. Gerade in technikwissenschaftlichen Fächern liegen dazu bislang nur wenige, verstreute Praxisbeispiele und öffentlich zugängliche Erfahrungen vor.
Bisherige Einzelmaßnahmen an der Hochschule Niederrhein – etwa Angleichungskurse, Tutorien in Grundlagenfächern, Blockformate wie Campuswochen oder separate Schlüsselqualifikationsmodule – haben nicht den erhofften Durchbruch gebracht. Gleichzeitig erhöhen drei Entwicklungen den Handlungsdruck: (1) der eklatante Fachkräftemangel, (2) die demografische Entwicklung und (3) die sinkende Studieninteressiertenzahlen in den Technikwissenschaften. Die Antwort von „Dein Weg – Lernhindernisse überwinden“ ist daher ein ganzheitlicher Ansatz, der technikwissenschaftliche Studiengänge systematisch neu aufstellt. Ziel ist eine grundlegend neue Lehrarchitektur für die Technikwissenschaften. Das Curriculum wird konsequent am Aufbau von Handlungskompetenzen der Studierenden ausgerichtet. Die Lehrarchitektur wird in vier Handlungssträngen entwickelt und so evaluativ begleitet, dass daraus ein Modellansatz für andere Studiengänge und Hochschulen für angewandte Wissenschaften entstehen kann.
Integration von Grundlagenfächern (Handlungsstrang 1): Relevante Grundlagen werden systematisch mit den jeweiligen Kernfächern vernetzt. Dafür werden Grundlagenmodule wie Mathematik nicht flankierend neben die Kernmodule des Fachs gestellt, sondern in Teilen direkt in die Kernmodule integriert. So sollen Verständnis und Akzeptanz für Grundlagen steigen.
Projekte als durchgängiges Kernelement (Handlungsstrang 2): Angesichts gesellschaftlicher Transformation sollen Studierende komplexe Herausforderungen des Arbeitsmarkts erleben und lernen. Dazu gehören unter anderem digitale Kompetenzen, Digital-Citizenship-Skills[3], klassische Problemlöse- und Anpassungsfähigkeit sowie die Zusammenarbeit mit angrenzenden Disziplinen.[4]
Lerngerechte Organisation (Handlungsstrang 3): Die Vielzahl summativer Prüfungen am Semesterende wird zugunsten studienbegleitender, individualisierter Leistungsfeedbacks reduziert. Studierende sollen dadurch kontinuierlicher lernen, besser unterstützt werden und weniger in kurzfristige „Bulimie-Lern“-Muster geraten.
Prüfen im Fokus (Handlungsstrang 4): Prüfungen steuern Lernen – sie sind Kristallisationspunkte des Kompetenzerwerbs und damit eine zentrale Stellschraube für Lehrinnovation. Daher wird geprüft, wo alternative Prüfungsformate sinnvoll einsetzbar sind, die die anwendungsbezogene Verschränkung von Grundlagenwissen und des Kernfachs abbilden und das Handlungswissen aus den studienbegleitenden Projektmodulen gezielt abrufbar machen.
Um dies zu erreichen, werden Studierende strukturiert in die Umsetzung aller Maßnahmen eingebunden. Im Projekt soll nicht für, sondern mit Studierenden gedacht, gesprochen und gestaltet werden. Im Sinne einer ko-konstruktiven Formel: Innovation durch studentische Partizipation. Darüber hinaus sollen individuelle Lernwege und Potenziale konsequenter gefördert werden – durch Lebenswelt- und Anwendungsbezüge als roten Faden im Studium. Diesen roten Faden stellt die Verankerung von Projekten im Studienverlauf dar: Vor allem in der Studieneingangsphase geht es um frühe Anwendungseinblicke und Identifikation mit dem Fach. In der Studienmitte bearbeiten Studierende ergebnisoffene Fragestellungen im Format des Problem-Based Learning. Gegen Ende des Studiums arbeiten inter- und transdisziplinäre Teams an realen Aufgaben aus Gesellschaft, Wirtschaft und Industrie. Die Integration der Grundlagen und die durchgehende Projektorientierung sollen sowohl Studieninteressierte als auch diverse Studierendengruppen erreichen.
Die neue Lehrarchitektur ermöglicht eine tiefgreifende Transformation der Curricula, ohne langfristig zusätzliche personelle Ressourcen in der Lehre aufzubauen. Stattdessen werden bestehende Betreuungsaufwände auf neu konzipierte Veranstaltungen umverteilt. Das Engagement der Hochschule zeigt sich in der Bereitschaft, etablierte Studienangebote grundlegend zu erneuern und – falls nötig – strukturell anzupassen, um damit eine nachhaltige Wirkung zu sichern. Studierende sollen – ganz im Sinne des Hochschulentwicklungsplans der HSNR – über fachliche Qualifizierung hinaus zur Übernahme von Verantwortung in einem sich wandelnden beruflichen und gesellschaftlichen Umfeld motiviert werden.
Im Projekt „Dein Weg – Lernhindernisse überwinden“ liegt der Fokus auf Studiengängen aus Elektrotechnik, Informatik, Maschinenbau und Verfahrenstechnik sowie Wirtschaftsingenieurwesen. In den Fachbereichen Ingenieurswissenschaften und Informatik sowie Wirtschaftsingenieurwesen sind sechs wissenschaftliche Mitarbeitende mit den Aufgaben des Projekts betraut. Die Projektkoordination übernimmt Prof. Dr. Jens Brandt, Dekan des Fachbereichs Ingenieurswissenschaften und Informatik. Darüber hinaus wird in der Hochschuldidaktik der HSNR unter der Leitung von Dr. Sylvia Ruschin die Projektassistenz verantwortet, und die Curriculumentwicklung sowie Begleitforschung durch drei wissenschaftliche Mitarbeitende verwirklicht. Das Projekt wird in der Förderlinie Lehrarchitektur durch die Stiftung Innovationen in der Hochschullehre (StIL) gefördert und ist zunächst bis zum 31.12.2029 finanziert. Verantwortlich für das Gesamtprojekt und die Projektleitung ist als Vizepräsident für Studium und Lehre Prof. Dr. Michael Heber.
[1] vgl. Heublein et al. 2020
[2] Heidling et al. 2019
[3] Richardson & Milovidov 2019
[4] Kirchherr et al. 2018
Literatur
Deci, E. L., & Ryan, R. M. (1993). Die Selbstbestimmungstheorie der Motivation und ihre Bedeutung. Zeitschrift für Pädagogik, 39(2), 223-238. https://doi.org/10.25656/01:11173
Deutsche Akademie der Technikwissenschaften. (2023). Die Advanced Systems Engineering Strategie. Abgerufen von: https://www.acatech.de/publikation/die-advanced-systems-engineering-strategie/
Heidling, E., Meil, P., Neumer, J., Porschen-Hueck, S., Schmierl, K., Sopp, P., & Wagner, A. (2019). Ingenieurinnen und Ingenieure für Industrie 4.0. VDMA (Hrsg.). Abgerufen von: https://impuls-stiftung.de/wp-content/uploads/2022/05/Ingenieurinnen-und-Ingenieure-fuer-Industrie-4.0.pdf
Heublein, U., Richter, J., & Schmelzer, R. (2020). Die Entwicklung der Studienabbruchquoten in Deutschland (DZHW Brief 3/2020). Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW). https://doi.org/10.34878/2020.03.dzhw_brief
Kirchherr, J., Klier, J., Lehmann-Brauns, C., & Winde, M. (2018). Future Skills: Welche Kompetenzen in Deutschland fehlen (Diskussionspapier 1). Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft e.V. (Hrsg.), in Kooperation mit McKinsey & Company. Abgerufen von: https://www.stifterverband.org/medien/future-skills-welche-kompetenzen-in-deutschland-fehlen
Richardson, J., & Milovidov, E. (2019). Introduction. In Council of Europe (Hrsg.), Digital Citizenship Education Handbook, 5–16. Abgerufen von: https://rm.coe.int/16809382f9
Autor:innen
Dr. Sylvia Ruschin leitet die Hochschuldidaktik an der Hochschule Niederrhein. Sie leitet die Curriculumentwicklung und die Umsetzung studierendenzentrierter Lehr- und Prüfungsformate im Projekt „Dein Weg – Lernhindernisse überwinden“.
Prof. Dr. Jens Brandt ist Dekan des Fachbereichs Ingenieurwissenschaften und Informatik an der Hochschule Niederrhein und Projektkoordinator im Projekt „Dein Weg – Lernhindernisse überwinden“.
Johannes Hiebl ist im Projekt „Dein Weg – Lernhindernisse überwinden“ an der Hochschule Niederrhein als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig. Er arbeitet an der Curriculumentwicklung und begleitet die Umsetzung sowie Evaluation der neuen Lehrarchitektur.
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