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Bildquelle: generiert mit DaLL-E/ChatGPT am 02.03.2026

Transdisziplinäre Lehrprojekte: Neuland mit Risiken und Nebenwirkungen

Komplexe Probleme halten sich selten an Fachgrenzen. Problemstellungen rund um Nachhaltigkeit, Digitalisierung oder Künstliche Intelligenz betreffen mehrere Disziplinen zugleich – und lassen sich nicht aus einer einzigen Perspektive bearbeiten.

Studiengänge und Fachbereiche sind dagegen meist klar fachlich strukturiert. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie Studierende lernen, über den Tellerrand zu schauen, disziplinäre Perspektiven zu verbinden und mit komplexen, offenen Problemstellungen umzugehen.

Wie also können wir sie darauf vorbereiten, in einer zunehmend dynamischen und vernetzten Welt handlungsfähig zu sein?

Ein Ansatz, der Studierenden den Erwerb fachlicher und überfachlicher Kompetenzen ermöglicht, sind transdisziplinäre Lehrprojekte. Allerdings hat dieses Lehrformat auch die ein oder andere Herausforderung im Gepäck. 

Doch zunächst einmal: 

 

Was genau sind transdisziplinäre Lehrprojekte?

Transdisziplinäre Lehrprojekte bringen Studierende aus unterschiedlichen Studiengängen bzw. Fachdisziplinen zusammen, um gemeinsam an einer komplexen, gesellschaftlich relevanten Fragestellung zu arbeiten – idealerweise in Kooperation mit Praxispartner:innen.

Dabei treffen verschiedene Fachperspektiven, Denkweisen und Methoden aufeinander. Es geht darum, Wissen anzuwenden und gleichzeitig darum, komplexe Probleme gemeinsam zu durchdringen, Bedarfe zu klären, Lösungsansätze zu entwickeln und auch mögliche Folgen mitzudenken.

Kurz gesagt: Unterschiedliche Disziplinen und Praxis kommen hier zusammen, um reale Herausforderungen zu bearbeiten – und es entsteht ein gemeinsamer Lernprozess über Fach- und Rollen­grenzen hinweg.

Transdisziplinarität geht dabei weiter als Interdisziplinarität: Die Zusammenarbeit beschränkt sich nicht auf mehrere Disziplinen, sondern bezieht bewusst außerhochschulische Perspektiven und Erfahrungswissen mit ein.

Dadurch bringen transdisziplinäre Lehrprojekte große Chancen mit sich: für Studierende, Lehrende, Praxispartner:innen sowie die Hochschule als gesellschaftlich wirksame Akteurin.

Und welche Chancen sind das genau?

 

Chancen transdisziplinärer Lehrprojekte

Transdisziplinäre Lehrprojekte eröffnen Lernräume, die in klassischen Lehrformaten so nicht entstehen. Wenn unterschiedliche Fachkulturen aufeinandertreffen, werden Annahmen sichtbar, Begriffe müssen geklärt und Perspektiven ausgehandelt werden.

Für Studierende bedeutet das: Sie lernen, die eigene fachliche Sichtweise verständlich zu machen und zugleich andere Denkweisen zu reflektieren. Für den Blick über den Tellerrand der eigenen Fachlichkeit brauchen sie die Fähigkeit, reflektierend fachübergreifende Problemstellungen zu erfassen und zu analysieren. Sie arbeiten an realen Fragestellungen und erleben, dass Lösungen selten eindeutig sind.

Auch für Lehrende entstehen neue Impulse – fachlich wie didaktisch. Kooperationen über Fachbereiche hinweg können neue Perspektiven eröffnen und bestehende Formate, wie beispielsweise Service Learning oder interdisziplinäre Lehre, weiterentwickeln.

Praxispartner:innen sind dabei nicht nur Auftraggebende, sondern Mitwirkende auf Augenhöhe. Sie bringen ihr Erfahrungswissen ein, erhalten neue Sichtweisen auf ihre Herausforderungen und profitieren von gemeinsam erarbeiteten Lösungsansätzen.

Transdisziplinäre Lehrprojekte können zudem zur sogenannten „Dritten Mission“ beitragen und den gesellschaftlichen Beitrag der Hochschule sowie deren Sichtbarkeit (z.B. in der Region) stärken.

Ok, das klingt überzeugend: Und warum machen das dann nicht alle? Und ständig?

 

Herausforderungen transdisziplinärer Lehrprojekte

Didaktisch bedeutet das: unterschiedliche Wissensstände treffen aufeinander. Fachsprachen sind nicht automatisch kompatibel. Aufgabenstellungen müssen so gestaltet sein, dass sie weder unter- noch überfordern. Das verlangt sorgfältige Planung – und zugleich die Bereitschaft, Prozesse offen zu halten.

Organisatorisch kommen weitere Fragen hinzu: Wie passen Zeitfenster, Standorte (im Falle der HSNR) und Prüfungsformate zusammen? In welchem Umfang bekommen Studierende Credit Points für ihre Lehrveranstaltungen? Wie gelingt die Abstimmung zwischen Fachbereichen? Solche Rahmenbedingungen sind lösbar – sie benötigen Abstimmung, Dialog und eine gewisse Flexibilität auf allen Seiten.

Die Zusammenarbeit mit Praxispartner:innen bringt eine weitere Dimension ins Spiel. Erwartungen müssen frühzeitig geklärt werden: Was ist Ziel des Projekts – ein Lernprozess oder eine sofort umsetzbare Lösung? Welche Ressourcen stehen zur Verfügung und in welchem Maß stehen Praxispartner:innen für Studierende tatsächlich zur Verfügung? Und – last but not least: Wie gehen alle Beteiligten damit um, wenn Ergebnisse anders ausfallen als erhofft? Transdisziplinäre Lehrprojekte sind keine Beratungsprojekte – sie sind Lernräume mit offenem Ausgang. 

Und schließlich gibt es eine persönliche Dimension. Transdisziplinäre Projekte bewegen sich in einem gewissen Maß an Unsicherheit, was im Hinblick auf die komplexen, gesellschaftlich relevanten Problemstellungen, die bearbeitet werden, nachvollziehbar ist. Wie schon genannt:  Ergebnisse sind nicht vollständig planbar. Lehrende sind weniger Expert:innen für „die richtige Lösung“ und stärker Prozessbegleitende. Rückmeldungen aus der Lehre zeigen, dass Studierende solche Formate häufig als herausfordernd – insbesondere kommunikativ – erleben. Das kann bereichernd sein – fordert aber auch. 

Es braucht also den Mut, didaktisches Neuland zu betreten – auf Seiten der Lehrenden ebenso wie auf Seiten der Studierenden – und die Bereitschaft, ein gewisses Maß an Unschärfe und Unbequemlichkeit auszuhalten.

All das beantwortet vielleicht auch die bewusst überspitzte Frage, warum nicht ständig und überall transdisziplinär gelehrt wird: Nicht jede:r möchte dauerhaft außerhalb der eigenen Komfortzone agieren. Zudem eignet sich nicht jede Lehrveranstaltung für ein solches Format, da sich Lehrgestaltung immer an den angestrebten Lernergebnissen orientiert.

Passen transdisziplinäre Lehrprojekte zu Ihren Lernergebnissen – und haben Sie Lust, es einmal auszuprobieren?

Hier finden Sie einige Orientierungspunkte.

 

Was transdisziplinäre Lehrprojekte gelingen lässt

Transdisziplinäre Lehre wird an vielen Hochschulen – und auch an unserer – in unterschiedlichen Formaten umgesetzt (vgl. auch HSNR Lehrpreis 2025). Im Projekt „Public Understanding von KI durch transdisziplinäre Lehre“ ist in co-kreativer Zusammenarbeit zwischen Lehrenden unterschiedlicher Fachbereiche und der Hochschuldidaktik ein Gesamtkonzept für transdisziplinäre Lehrprojekte entstanden. Aus der praktischen Umsetzung in den Lehrveranstaltungen lassen sich einige Faktoren ableiten, die zum Gelingen solcher Formate beitragen können:

  • „Kommunikation ist Alles!“ Kommunikation ist keine Begleiterscheinung, sondern zentraler Bestandteil des Formats. Unterschiedliche Fachsprachen, Erwartungen und Arbeitsweisen müssen aktiv „übersetzt“ werden – zwischen Studierenden, zwischen Lehrenden unterschiedlicher Disziplinen und im Austausch mit Praxispartner:innen.
     
  • Nicht bei null anfangen. Transdisziplinäre Formate lassen sich gut aus bestehenden Konzepten weiterentwickeln – etwa aus interdisziplinären Lehrveranstaltungen oder Service-Learning-Formate heraus. Wer vorhandene Strukturen weiterentwickelt, statt komplett neu zu beginnen, senkt organisatorische Hürden, bewegt sich nicht im völligen Neuland und erhöht dadurch die Realisierbarkeit.
     
  • Hochschulstrukturen mitdenken. Unterschiedliche Semesterzeiten, Modulgrößen oder Credit-Point-Systematiken zwischen Fachbereichen machen transdisziplinäre Kooperationen nicht unmöglich – aber komplexer. Solche Rahmenbedingungen benötigen frühzeitige Abstimmung und realistische Planung.
     
  • Unsicherheit gehört dazu und ist normal. Transdisziplinäre Projekte – insbesondere mit neuen Themen wie KI – bewegen sich in einem gewissen Maß an Unschärfe. Ergebnisse sind nicht vollständig planbar. Diese Offenheit ist didaktisch gewollt, verlangt aber von Lehrenden wie Studierenden die Bereitschaft, mit offenen Prozessen umzugehen.
     
  • Praxispartner:innen einzubinden braucht Klarheit. Transdisziplinäre Lehrprojekte sind Lernräume, keine Beratungsprojekte. Erwartungen, Rollen und zeitliche Ressourcen müssen frühzeitig geklärt werden.
     
  • Transdisziplinäre Kompetenzen betreffen auch Lehrende. Wer solche Formate umsetzt, bewegt sich selbst außerhalb gewohnter fachlicher und didaktischer Routinen. Transdisziplinäre Lehre ist daher nicht nur ein Lernformat für Studierende, sondern auch ein Entwicklungsraum für Lehrende.

 

Fazit

Transdisziplinäre Lehrprojekte sind kein Format für jede Lehrveranstaltung. Wer jedoch eine ausgewählte Lehrveranstaltung gezielt weiterentwickeln möchte, kann Studierenden zusätzliche Kompetenzen eröffnen: z.B. Perspektivwechsel, Kommunikations- und Reflexionskompetenz sowie Umgang mit Komplexität. Fähigkeiten also, die in vielen beruflichen Kontexten – und darüber hinaus – zunehmend gefragt sind. 

Vielleicht ist genau jetzt ein guter Zeitpunkt, ein Modul oder eine Lehrveranstaltung weiterzuentwickeln – und bewusst ein Stück Neuland zu betreten?

Wenn Sie andere Lehrende und externe Akteur:innen als Partner:innen für transdisziplinäre Lehrprojekte suchen – oder zunächst einen nächsten Schritt in Richtung Interdisziplinarität gehen möchten –, laden die Teams Le/Ni: Interdisziplinär und Dritte Mission Sie herzlich ein, sich am 25.03.26 von 10-13 Uhr zu vernetzen und gemeinsame Ideen weiterzudenken. 

Sie können sich über ANT anmelden. Hier entlang: LINK (Hochschul- und Mediendidaktik > Le/Ni: Interdisziplinär).

 

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Hintergrund

Dieser Beitrag basiert auf Erfahrungen aus dem Projekt „Public Understanding von KI durch transdisziplinäre Lehre“ (KI-transdisziplinär), das an der Hochschule Niederrhein umgesetzt wurde. Ziel war es, Studierenden zu ermöglichen, KI-Kompetenzen in transdisziplinären Lehrprojekten zu erwerben. 

Das Projekt „Public Understanding von KI durch transdisziplinäre Lehre“ (KI-transdisziplinär, Fördernummer: 16DHBKI070) wurde gefördert aus Mitteln des BMFTR im Rahmen der Bund-Länder-Förderinitiative „Künstliche Intelligenz in der Hochschulbildung“. 

Eine systematisierte Merkmalliste transdisziplinärer Lehrprojekte findet sich in: Schönhals, E.M.; Grieb-Viglialoro, C. (2025): Merkmalliste transdisziplinärer Lehrprojekte, Projekt KI-transdisziplinär, Hochschule Niederrhein; DOI: https://doi.org/10.82523/HSNR-580 

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