Gewaltbetroffene stehen nach einer Tat häufig unter Schock. Neben körperlichen und psychischen Folgen entsteht oft ein zusätzlicher Druck: die Frage, ob und wann Anzeige erstattet werden soll. Genau an dieser Stelle setzt die vertrauliche Spurensicherung an. Der Infoabend zu GOBSIS (Gemeinsames Angebot zur Beweissicherung nach Sexual- und Gewaltstraftaten) machte deutlich, warum dieses Angebot eine zentrale Rolle im Opferschutz spielt.
Was bedeutet vertrauliche Spurensicherung?
Die vertrauliche Spurensicherung ermöglicht es Betroffenen von Gewalt- oder Sexualstraftaten, medizinische Untersuchungen und Beweissicherung durchführen zu lassen, ohne sofort Anzeige bei der Polizei erstatten zu müssen. Die Betroffenen werden am Empfang abgesichert in die Notfallambulanz begleitet. Die Behandlung erfolgt vertraulich; das sogenannte Info-Point-Team ist speziell geschult.
Ein zentraler Punkt: Die Entscheidung zur Anzeige bleibt vollständig bei der betroffenen Person. Spuren können unabhängig davon gesichert und später, falls gewünscht, genutzt werden.
„Körper, Opfer, Zeug:in, Beweis“
Sarah Günther (Gleichstellungsbeauftrage der Stadt Mönchengladbach) brachte es prägnant auf den Punkt: Der Körper einer betroffenen Person ist gleichzeitig Opfer, Zeug: in und Beweis. Viele Betroffene wissen nicht, dass sie Spuren anonym sichern lassen können – auch in einem anderen Krankenhaus als dem nächstgelegenen und ohne polizeiliche Meldung.
Gerade bei Gewalt im häuslichen oder partnerschaftlichen Umfeld fehlt häufig unmittelbare Beweissicherung. Das hat massive Auswirkungen auf spätere Strafverfahren.
Dokumentation als Chance auf Gerechtigkeit
Ein wiederkehrendes Thema des Abends war das strukturelle Problem vieler Strafverfahren: Aussage gegen Aussage.
Ohne medizinisch gesicherte Beweise werden Verfahren häufig eingestellt. Laut den vorgestellten Zahlen werden rund 70 % der Strafanzeigen fallen gelassen, oft wegen fehlender Beweise oder geringer Erfolgsaussichten. Die Aussicht auf ein Urteil ist in vielen Fällen gering.
Die ärztliche Perspektive machte klar: Dokumentation ist nicht optional, sondern essenziell. Sie kann später entscheidend sein, auch wenn sich Betroffene erst Monate oder Jahre nach der Tat zu einer Anzeige entschließen.
Ablauf der Beweissicherung
Die medizinische Beweissicherung umfasst:
- ein strukturiertes Protokoll der Aussage,
- eine medizinische Dokumentation von Verletzungen,
- die Sicherung körperlicher Spuren.
Alle Beweise werden bis zu zehn Jahre aufbewahrt und bleiben auffindbar. Seit 2025 ist die Leistung eine Krankenkassenleistung mit pauschaler Vergütung. Wichtig dabei: Es gibt keine Rückverfolgung zur betroffenen Person, solange keine Anzeige erfolgt.
Vernetzte Zusammenarbeit
GOBSIS arbeitet nicht isoliert. Vorgestellt wurde die enge Zusammenarbeit zwischen:
- Frauenberatungsstellen
- Frauenhäusern
- SKM
- Polizei und Justiz
- sozialen Einrichtungen
Diese Vernetzung ist entscheidend, um Betroffene nicht allein zu lassen und Übergänge zwischen medizinischer, psychosozialer und juristischer Unterstützung zu ermöglichen.
Rechtliche Perspektive: Die Rolle des Opfers
Eine Anwältin mit Schwerpunkt Opferschutz erläuterte die juristische Realität klar und ungeschönt: Im Strafverfahren ermittelt der Staat gegen den Täter. Die geschädigte Person ist formal nicht Partei, sondern Beweismittel und Zeug: in. Umso wichtiger ist eine lückenlose Dokumentation. Jedes Detail zählt, auch scheinbar kleine Einzelheiten können entscheidend sein.
Der Schutz und die Verteidigung der Betroffenen stehen im Mittelpunkt der opferschutzrechtlichen Arbeit, dennoch bleibt das System für viele belastend und schwer zugänglich.
Fazit
Der Infoabend machte deutlich, dass vertrauliche Spurensicherung kein freiwilliger Zusatz ist, sondern eine Frage der Menschenwürde. Gewaltbetroffene brauchen Zeit, Sicherheit und Optionen – ohne Zwang zur Anzeige.
GOBSIS schließt eine entscheidende Lücke zwischen medizinischer Versorgung und Strafverfolgung. Es schafft Handlungsspielraum in einer Situation, in der Betroffene häufig kaum Kontrolle empfinden. Gleichzeitig zeigt sich, dass das Thema Gewalt kein individuelles, sondern ein strukturelles Problem ist, das interdisziplinäre Lösungen erfordert.
Bericht von Michelle Pruszak


















