Künstliche Intelligenz ist, insbesondere für jüngere Menschen in Studium, Beruf und Alltag innerhalb kurzer Zeit zu einem alltäglichen Werkzeug geworden. Ist es da überhaupt noch lohnenswert, ein Studium wie Informatik aufzunehmen, dessen Themen heute von KI bearbeitet werden?
PROF. DR. MICHAEL GREF Diese Frage hören wir derzeit häufig und sie ist absolut nachvollziehbar. Aber die klare Antwort direkt zu Beginn lautet: Ja. Und zwar mehr denn je. KI ist kein Ersatz für Informatikerinnen und Informatiker. KI ist ein Werkzeug, das man verstehen und beherrschen muss. Genau darauf bereitet ein Informatikstudium vor: KI sinnvoll einzuordnen und gezielt einzusetzen.
PROF. DR. JENS KAUFMANN Unternehmen, auch gerade hier in der Region, brauchen Menschen, die in der Lage sind, auf die Veränderungen durch KI zu reagieren. Mehr noch: Sie brauchen Menschen, die die Kompetenz besitzen, diese Entwicklungen aktiv zu gestalten. Informiert, zielgerichtet und verantwortungsvoll. KI verstärkt aktuell sogar den Bedarf an qualifizierten Fachkräften.
In der öffentlichen Diskussion entsteht oft der Eindruck, dass KI Programmierer zunehmend ersetzt. Wie realistisch ist dieses Bild?
GREF Diese Wahrnehmung wird auch an uns herangetragen, und den Einfluss von KI stellen wir gar nicht in Abrede. KI übernimmt einen Großteil der Fleißarbeit, liefert sehr schnell Ergebnisse und kann neben dem reinen Programmieren auch andere Aufgaben der Softwareentwicklung übernehmen. Aber Informatik ist eben nicht nur Programmieren.
KAUFMANN Genau. Entscheidend ist die Summe der relevanten Kompetenzen: Das Denken in Strukturen, die präzise Analyse und Aufnahme der Anforderungen und die Fähigkeit, komplexe Systeme zu gestalten. KI versteht nicht automatisch den Kontext, in dem sie arbeitet oder arbeiten soll. Dafür braucht es Menschen mit fundiertem Wissen.
Werden Menschen also nur Zulieferer für die Arbeit der KI sein?
KAUFMANN Nein. Gut qualifizierte Menschen werden mehr und mehr zu Dirigenten eines umfangreichen Orchesters aus neuen Werkzeugen. Ihre Arbeit wird weniger repetitiv und stärker gestaltend.
GREF Gleichzeitig entstehen neue Herausforderungen. Systeme müssen sicher und zuverlässig funktionieren, was wieder neue Expertise im Bereich Cyber Security bedingt. Auch hier verändern sich die Aufgaben, aber die Notwendigkeit qualifizierter Fachkräfte bleibt.
Wie begegnet die Hochschule Niederrhein diesen Herausforderungen?
GREF Zum einen durch unsere Studiengänge, die diese Aspekte fachlich abdecken. Zum anderen integrieren wir KI bereits heute gezielt in unsere Studienprogramme. Das ist für uns aber kein Selbstzweck. Wir wollen Studierende befähigen, aktuelle Technologien zu nutzen und deren Auswirkungen kritisch zu hinterfragen.
KAUFMANN Ein Beispiel dafür ist die Wirtschaftsinformatik. KI verändert Geschäftsprozesse und ganze Geschäftsmodelle. Viele Unternehmen der Region suchen gezielt nach Absolventinnen und Absolventen, die diese Potenziale erkennen und in die Praxis umsetzen können.
Also gibt es keinen Studiengang „Künstliche Intelligenz“, sondern KI ist Teil der bestehenden Studiengänge?
GREF Ja. Wir behandeln die Thematik KI konkret, aber immer im Zusammenhang aller anderen Anforderungen und Perspektiven. KI ist eine wichtige und in Teilen disruptive Entwicklung, sie ist aber kein isoliertes Thema. Wir machen unsere Studierenden fit für den Umgang mit KI. Das umfasst auch Datenkompetenz, allgemeines technisches und fachliches Verständnis sowie ethische Fragestellungen.
KAUFMANN Zudem bieten wir an der Hochschule Niederrhein unterschiedliche Vertiefungen an. Medizinische Informatik blickt auf IT und KI sicher anders als beispielsweise Digitale Forensik. Dort betrachten wir rechtliche Fragestellungen und Methoden, die der Kriminalistik zugeordnet werden können. KI ist hier jeweils ein relevantes Werkzeug für Informatik + X.
Was genau zeichnet Informatik + X denn hier aus?
KAUFMANN Zum einen die inhaltliche Breite: Studierende können sich auf bestimmte Bereiche oder Anwendungsfelder fokussieren. Damit besteht die Möglichkeit, moderne Technologien und ihre Auswirkungen in ihrer Funktionsweise und in ihrer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wirkung zu betrachten.
GREF Zum anderen steht Informatik + X auch für unseren praxisorientierten Ansatz. Als Hochschule für angewandte Wissenschaften ist es immer unser Anspruch, praxisrelevante, aktuelle Inhalte zu vermitteln und dabei Praxispartnerinnen und Partner einzubeziehen.
Welche Rolle spielt denn die Praxisnähe im Studium?
GREF Praxisnähe ist für uns zentral. Unternehmen erwarten von uns zu Recht, dass unsere Absolventinnen und Absolventen auch eine Vorstellung davon haben, wie Technologie angewendet werden kann, welche Probleme entstehen und wie man diesen begegnet.
KAUFMANN Das zeigt sich auch in den vielen Kooperationen. Besondere Freude macht es, wenn dabei regionale Unternehmen oder Institutionen ihre Expertise mit uns teilen und Veranstaltungen durchführen. Auch mit der Stadt Mönchengladbach haben wir schon konkrete Fragestellungen in Lehrveranstaltungen diskutiert. Solche Projekte sind nah an der Lebensrealität unserer Studierenden und schaffen eine direkte Verbindung von Studium, Praxis und Alltag.
Trotzdem zweifeln noch viele junge Menschen, ob so ein Studium für sie das Richtige ist. Was sagen Sie diesen?
GREF Findet es heraus. Das klingt so banal, aber es ist auch so einfach. Wir bieten Studieninteressierten die Möglichkeit, über offene Vorlesungen, Beratungsgespräche und persönliche Kontakte einen ersten Eindruck zu gewinnen. Wer neugierig ist, sollte vorbeikommen, Fragen stellen und erleben, wie vielfältig Informatik heute ist.
Wie lautet Ihr Fazit?
KAUFMANN Informatik + X ist weder reines Programmieren noch einfach nur KI. Beides sind wichtige Themen, aber Bestandteile eines größeren Ganzen. Wer Neugier und Lernbereitschaft mitbringt, findet bei uns einen guten Einstieg und seinen Weg.