Kann man die Lebensgeschichten von Menschen in psychischen Krisen sammeln, ohne ihnen zu schaden? Mit dieser Frage reiste Prof. Dr. Burkhart Brückner vom Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Niederrhein nach Schottland. Unterstützt wurde die Reise vom Fachbereich, der die internationale Vernetzung seiner Lehrenden fördern möchte. Am 15. Juni 2026 sprach er beim internationalen Kongress „Figments: Madness, Health and Creativity“ an der University of Glasgow und vertrat den Fachbereich Hochschule auf einer Bühne, die Wissenschaft, Kunst und Aktivismus zusammenbrachte.
Im Zentrum seines Vortrags stand sein aktuelles Buch „Wahnsinn und Hospitalisierung. Bibliographie deutschsprachiger Selbstzeugnisse, 1800–1999“ (Psychiatrie Verlag, Köln, 2025). Darin trägt Brückner über 1.100 persönliche Berichte aus zwei Jahrhunderten zusammen: Erfahrungen von Menschen mit Psychiatrie und psychischer Krise, erzählt in ihren eigenen Worten. Solche Selbstzeugnisse sind keine Krankenakten, so seine These. Sie sind literarische Werke und Teil eines kulturellen Erbes.
Sein Vortrag „Bibliographing Madness“ rückte eine Leitfrage in den Mittelpunkt: „Möchten Sie, dass Ihre Geschichte auf der Liste steht?“ Wie entsteht eine solche Sammlung, ohne nachträgliche Diagnosen, ohne stigmatisierende Kategorien, ohne ein unfreiwilliges Öffentlichmachen? Brückners Antwort sind klare ethische Leitlinien: die Autorinnen und Autoren zuerst nennen, Pseudonyme schützen und jeden einzelnen Text mit Sorgfalt behandeln.
Dass Brückner überhaupt in Glasgow sprach, geht auf eine frühere Zusammenarbeit zurück. Dr. Mila Daskalova, Mitorganisatorin des Kongresses und Fellow an der School of Critical Studies der University of Glasgow, übersetzte vor einigen Jahren eine Biografie aus dem Biographischen Archiv der Psychiatrie ins Englische. Brückner hatte dieses Archiv 2015 gegründet: www.biapsy.de. Aus der Übersetzung wurde Jahre später eine Einladung.
„Die Tagung war ausgesprochen inspirierend. Besonders das interdisziplinäre Format, akademische, künstlerische und aktivistische Beiträge nebeneinander, hat mir wichtige Impulse für die weitere Arbeit gegeben.“
— Prof. Dr. Burkhart Brückner
Für den Fachbereich Sozialwesen sieht Brückner darin mehr als internationale Sichtbarkeit. Die Begegnungen in Glasgow liefern konkrete Ideen für Lehre und Forschung: eine engere Verzahnung von Sozialer Arbeit und Kulturpädagogik etwa oder die Einbindung von Betroffenen in partizipative und inklusive Versorgungskonzepte.
Der Kongress brachte Forschende, Fachkräfte sowie Aktivistinnen und Aktivisten aus Großbritannien, Kanada, den USA und Deutschland zusammen. In 27 Vorträgen ging es um die Rolle von Kreativität und Kunst in der psychiatrischen und psychosozialen Versorgung, um die Einbindung von Psychiatrie-Erfahrenen und um die Kraft des Erzählens, um psychische Krisen zu verstehen. Organisiert wurde die Tagung vom Medical Humanities Research Centre der University of Glasgow und dem Centre for Mad Culture UK.
Genau diese Verbindung von Forschung, Kunst und Praxis will der Fachbereich Sozialwesen stärken. Tagungsreisen wie die nach Glasgow holen internationale Impulse direkt in Studium und Lehre zurück und zeigen, welche entscheidende Rolle dabei angewandte Wissenschaft für die professionelle Identität sozialer Berufe spielt.





















